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17. März 2011 / Kees Jaratz

Zum Glück ist Wacker nicht der Spielverein – Teil 1

Hans F. (* 1939)

Es muss 1954 gewesen sein, als ich das erste Mal beim MSV war. Da spielten die noch auf der Westender Straße. Da war noch das alte Stadion. Der MSV spielte in der Oberliga. Das war ja die höchste Liga, und da habe ich erstmal richtig Fußball gesehen … wie Fußball gespielt wurde. Da kamen ja auch die ganzen Vereine wie Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne und alles und vor allen Dingen waren zu der Zeit schon diese vielen Zuschauer bei den Spielen. Ich glaube, in das Stadion gingen ja 20.000 Zuschauer rein. Das war schon enorm für mich. So was hatte ich ja noch nie gesehen. Ich kam ja … wie sagt man …sagen wir mal, von so einem Klüngelsverein. Da waren ja höchstens an die fünfzig, sechzig Zuschauer immer. Das war noch in Schleswig-Holstein, so ein Dorfverein.

Nach Duisburg waren wir ja gekommen, weil mein Bruder hier auf der Zeche Arbeit bekommen hatte. Die vom Bergbau sind damals durch die Gegend gefahren und haben Reklame gemacht. Die waren damals überall, in den Städten und so und auch in Schleswig-Holstein, und aufgrund dessen hat mein Bruder sich gemeldet. Und weil mein Bruder jetzt hier unten war, konnten wir auch umsiedeln. Wir waren ja sowieso noch drei Kinder, die noch Arbeit suchten und aufgrund dessen sind wir dann hier runter gezogen – in den Kohlenpott.

Ich komme ja eigentlich aus Schlesien und nach Schleswig-Holstein sind wir nach dem Krieg gekommen. Wir mussten ja unsere Heimat verlassen. Da kam an einem Tag die SS, und da hieß es, sofort hier weg, nur das Nötigste mitnehmen, in sechs Wochen seid ihr wieder zu Hause. Aber drei Monate später waren wir in Schleswig-Holstein. Da sind wir dann für neun Jahre gelandet. Als kleines Kind hatte ich in der Nähe von der Schneekoppe gelebt. Nachdem wir da weg mussten, haben die uns in den ersten zwei Tagen auf diesen großen Lkws durch die Gegend gefahren und dann war auf einmal Schluss. Da waren die Russen vor uns. Die ganzen Soldaten haben reißaus genommen, und dann ging´s zu Fuß weiter – bis zu so einem Aufnahmelager. Da wurden wir dann entlaust, und von da aus wurden wir verteilt. Wir mussten nach Schleswig-Holstein. Da habe ich mit meiner Mutter und meinen drei Geschwistern neun Jahre auf einem Bauernhof gelebt, und da bin auch zur Schule gegangen.

Und dann erst kam Meiderich wegen meinem Bruder. In Meiderich musste ich noch ein Jahr zur Schule gehen, weil ich in Schleswig zu spät eingeschult wurde. Als wir in Meiderich ankamen, wollte ich auch sofort den Meidericher Spielverein sehen. Weil ich vorher immer schon die Zeitung gelesen hatte mit den ganzen Tabellen vom Fußball, deshalb kannte ich den Meidericher Spielverein. Da bin ich dann los und hab einen auf der Straße gefragt, wo spielt der Meidericher Spielverein? Ja, und da hat der mich nach Meiderich-Berg geschickt. Zu Wacker Meiderich! Ich weiß noch, da bin ich von Mittelmeiderich aus durch den Tunnel durch. Der hatte gesagt, wenn du da durchkommst, direkt links, hinter dem Berg, da ist der Platz. Ooh, was war ich erschrocken. Da hatten wir ja da oben in dem Dorf einen besseren Sportplatz. Das Spiel habe ich mir angeguckt. Und auch das Spiel, das war genauso wie da oben auf dem Dorf. Ich bin wieder nach Hause, und auf dem Weg nach Hause da traf ich einen Schulkollegen, und den habe ich gefragt: „Hör mal, das ist doch nicht der Meidericher Spielverein?“ „Ne!“, hat der gesagt, „Wart mal Sonntag, dann gehen wir beide auf den Platz.“ Ja, und dann hat er mich dann zur Westender Straße mitgenommen.

Bei dem ersten Mal haben wir dann Eintritt bezahlt, aber später sind wir auch viel über den Zaun geklettert. Auf einer Seite waren ja nur Gärten, und da sind wir dann rüber gekrochen und haben uns da reingemogelt. Und ich hatte nachher das große Glück, dass bei mir in der Klasse der Peter Danzberg war und der spielte ja in der A-Jugend beim MSV. Wir waren gut befreundet, und der hat mich immer mitgenommen. Da bin ich auch zu den Spielen mit, wo die gespielt haben, sagen wir mal nach Hamborn. Da bin ich dann überall mitgefahren – immer mit der Straßenbahn.

So bin ich beim MSV geblieben. Da wollte ich auch mal zur Leichtathletik rein. Aber da war so ein blöder Trainer. Der hat Sprüche losgelassen … das fand ich nicht in Ordnung. Wenn du neu bist, und wenn sich dann einer so ausdrückt … ich will die Wörter gar nicht wiederholen, die der alle zu mir gesagt hat. Da habe ich gesagt, der kann mich mal. Tschüss, und weg war ich. Dann bin ich zu diesem Turnverein in Meiderich, wie hieß der noch, ich komm jetzt nicht auf den Namen, und von da bin ich zum Ruhrorter Turnverein. Aber zum Fußballgucken bin ich immer noch zum MSV gegangen. Da bin ich noch lange hingegangen. Dann habe ich anfangs auch noch Bundesligaspiele gesehen … danach aber irgendwann nicht mehr … nicht im Stadion.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

11. März 2011 / Kees Jaratz

Der strenge Vater

Saison 2004/2005

L.W. (* 1998)

Es war die Saison 04/05: Der MSV spielte mal wieder in der 2. Bundesliga und ich ging mit Freunden zu vielen Spielen. Viele Spiele haben wir gewonnen und gefeiert. Und dann kam es drei Spieltage vor Schluss: Der MSV spielte auswärts in Frankfurt, gewinnt, und steigt auf in die 1. Bundesliga. Das muss man feiern! Aber wo? Alle Mann ab ins Stadion, dachten wir uns. Der MSV war aus Frankfurt schon auf dem Weg dahin, genau wie wir aus der Kneipe. Dort hieß es, dass die Mannschaft bald irgendwann im Stadion eintreffen sollte, um mit uns und vielen anderen Fans zu feiern.

Nun steh ich da voller Erwartungen, schau auf die Uhr und denke mir: Hoffentlich kommen die gleich wirklich, da ich um Mitternacht zuhause sein sollte. Wie mein Vater mir jeden Tag sagte (Ich war ja erst 16! Und am nächsten Tag war Schule). Es wurde 11, es wurde halb zwölf, doch der MSV kam nicht. Als es dann kurz vor 12 war, blieb mir nichts anderes übrig: Ich zückte mein Handy. Mein Vater würde doch wohl verstehen, dass ich heute nicht wie versprochen zuhause sein kann, es war ja der Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Nach einem kurzen Gespräch mit meinem Vater und geschätzten 200 „Bitte“ von mir war klar, ich werde wohl nicht mitfeiern können. Auch ein: „Aber alle anderen dürfen doch auch.“ half nicht viel. Es gab nur eine kurze Verabschiedung von „allen anderen“. Dann ging es ab nach Hause. Ich hatte eine solche Wut im Bauch. Gab es so etwas Unfaires? Auf diesen Tag wartet man eine ganze Saison, und dann darf man das nicht einmal feiern!

Zuhause angekommen gab es, soweit ich mich erinnern kann, nicht mehr viel zu besprechen. Ich ging wütend in mein Zimmer, wollte wohl diese Eltern nicht mehr sehen, Eltern die ihrem Sohn so etwas verbieten nur um eine bekloppte Regel einzuhalten!  Am nächsten Tag, ich hatte mich schon wieder beruhigt, kam in der Schule natürlich alles wieder hoch. „Alle anderen“ hatten natürlich schön gefeiert, Fotos mit und von der Mannschaft gemacht und getrunken. Es war nicht auszuhalten.

Obwohl ich mich immer sehr gut mit meinem Vater verstanden habe und auch heute noch verstehe, ist das eins der Ereignisse, die wohl nie aus meinem Kopf zu streichen sind. Hoffentlich kann ich diese verpasste Aufstiegsfeier bald wieder nachholen.

21. Januar 2011 / Kees Jaratz

Schlachtenbummler werden

Renate K.-K. (* 1934)
Vom MSV habe ich das erst Mal gehört, als ich bei Dislich angefangen habe zu arbeiten. Da war ich Anfang 20. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass mein Chef Vorsitzender des MSV war. Da wusste ich aber noch gar nicht, was das bedeutet. Den MSV habe ich mir dann erst so vorgestellt, wie die Mannschaft, die wir zu Hause vom Schlafzimmerfenster aus immer sehen konnten, Wacker Meiderich, Männer, die Fußball spielten mit einem Trikot an. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es überhaupt Unterschiede in den Spielklassen gab. Weder mein Vater noch sonst einer in der Familie hat sich ja für Fußball interessiert.
Ich habe dagegen mir schon mal öfter vom Fenster aus Spiele von Wacker angeguckt. Das hat mich interessiert. Dann bin ich auch schon mal runter zum Platz gegangen. Ich kannte ja auch einige, die da gespielt haben, aber so richtig begeistert hat mich das nicht. Beim MSV wurde das dann anders. Die haben natürlich auch viel höher gespielt. Wacker, ich schätze mal das war Kreisklasse damals, höher auf keinen Fall, das war nicht schön anzusehen. Ich bin dann auch meist schnell wieder weggegangen. Beim MSV konntest du ja wirklich sehen, wie Fußball gespielt wurde. Das durftest du den Wackeranern aber nicht sagen. Da waren die beleidigt. Aber einen tollen Torwart hatten die, der hat gut gehalten. So viel ich weiß, ist der nachher zu 06 gegangen, Meiderich 06. Das mit Wacker, das muss direkt nach dem Krieg gewesen sein. Der Platz musste da erst von den Trümmern geräumt werden, und dann ist der erst wieder bespielbar gewesen.
Mit dem MSV dann, da bin ich dann mehr oder weniger rein gewachsen. Zu der Zeit war der Herr Kempkes, einer der Chefs von Dislich, erster Vorsitzende vom MSV. Und der hat dann oft über den MSV geredet oder wir haben schon mal Sachen geschrieben, welche Reporter dann zu dem Spiel kamen und wer nach einem Interview fragte. Montags kamen auch oft die Spieler zum Betrieb. Die kamen ins Büro und wir haben mit denen geredet. Es gab Kollegen bei Dislich, die waren auch sehr engagiert beim MSV. Zwei davon hatten die Kasse, die waren die Kassierer. Und dadurch bin ich da reingerutscht. Bevor ich das erste Mal im Stadion war, habe ich das Drumherum kennen gelernt. Die Spieler haben sich mit uns dann unterhalten und letztlich wollten die ja zu Herrn Kempkes. Die Spieler haben ja damals, so wie ich das mitbekommen habe, überhaupt kein Geld gekriegt. Und dann haben die wahrscheinlich Sachen, die Dislich verkauft hat, gekriegt. Wir hatten damals Tonerde-Schmelzzement, der unheimlich schnell gebunden war. Den musste man sofort verarbeiten. Und teilweise hatten die ja schon Häuser. Fliesen, Dachziegel normale Platten, alles hatten wir ja. Nachher als ich dann älter war und wusste, wie das alles so lief, da ist mir das dann alles erst zu Bewusstsein gekommen.
Ich habe dann mal einen der Kassierer gefragt, ob man denn einfach so zum Platz gehen könnte. Nee, haben die gesagt, da kannst du nicht einfach so hingehen, da musst du schon Eintritt bezahlen. Ach so, sage ich, ich wollte mal mit meinem Cousin dahin. Der war damals zehn oder zwölf Jahre. Ja, und dann habe ich die Karten immer gekriegt, und wir sind dahin gegangen und haben dann auch immer Tribüne gesessen.
Wir sind von Berg aus gelaufen. Vohwinkelstraße entlang, von-der-Mark-Straße und dann Westender Straße. Vom Meidericher Bahnhof aus wurde es Richtung Stadion immer voller. Das war so, wie wenn ich zur Beecker Kirmes gegangen bin. Wenn ich da von weitem die Kirmesmusik gehört habe, da wurde ich auch immer so nervös, und so nervös wurde ich dann auch, wenn da die ganzen Leute kamen, die dann auch zum Platz wollten. Da wurde ich auch total rabbelig. Vor dem Spiel war dann immer so eine aufgeladene Stimmung. Die Leute sind erregt und haben Freude das Spiel zu sehen und wünschen natürlich, dass der MSV gewinnt. Diese Atmosphäre spürt man. Und wenn die Spieler aufliefen, war die Stimmung schon da.
Das war schön, das muss ich schon sagen. Wir haben dann da gesessen und unten in den vorderen Reihen saß manchmal Kurt Brumme. Den habe ich richtig angehimmelt. Der hatte ja so eine schöne Stimme, so dunkel. Der war nicht bei jedem Spiel, die anderen Reporter haben mich nicht interessiert. Da habe ich auch noch das Bild im Kopf, der Herr Kempkes, das war ein relativ kleiner Mann, und der Kurt Brumme hat den interviewt. Dieser Größenunterschied. Kurt Brumme war ja so ein großer Mann.
Teilweise sind wir auch zu Auswärtsspielen gefahren. Da kann ich mich erinnern, da bin ich mit Kollegen von Vollmer drüben, von dem Kalksandstein-Werk, los. Der zweite Chef, der Herr Dislich, hatte ja auch das Kalksandstein-Werk. Da bin ich mit den zwei Kollegen auf Schalke gewesen. Ich muss sagen, ich hatte ja nur die MSV-Brille auf, und ich wusste nicht, dass Schalke auch blau-weiß war. Und wir stehen zwischen blau-weißen Leuten und ich denke, das sind alles MSV-Anhänger. Und wie ich so war, ich konnte mich nie zurückhalten. Ich war ja wütend, wenn die Spieler gefoult wurden und der Schiedsrichter nicht gepfiffen hat. Als ich das erste Mal da auf Barrikaden ging, habe ich mich gewundert. Weil ich mich alleine so aufgeregt hatte. Und als das dann das zweite Mal passierte, dann kamen die Kollegen und sagten leise: „Renate, halte bitte deinen Mund, wir stehen mitten im Schalke-Klub.“ Dann habe ich mich dann doch zurück gehalten. Wenn die zwei kräftigen Männer schon Angst hatten, was zu sagen.

Nur der Vollständigkeit halber: Beim Gegenrecherchieren der Fakten bin ich auf einen Fehler in dem Buch „Im Revier der Zebras“ von Gerd Dembowski, Dirk Piesczek und Jörg Riederer gestoßen. In dem Buch wird auf Seite 330 in der Liste der Präsidenten des MSV Duisburg der oben erwähnte Hans Kempkes als Hans Kempers geführt für die Jahre 1949 bis 1955.

28. November 2010 / Kees Jaratz

Mit dem Vater in das Stadion

Karl E. (* 1964)

Ich war zum ersten Mal in den Siebzigern im Stadion. Damals war der Star der Truppe Bernard Dietz. Wenn wir auf dem Bolzplatz waren, wollten immer alle Beckenbauer oder Müller, Overath oder Heynckes sein, vielleicht noch Vogts. Mein Bruder war Anhänger von Borussia Mönchengladbach.
Mein Vater sagte mir, man müsste für den Verein sein, in dessen Nähe man auch wohnt, also war ich dann für den MSV. Wir fuhren mit meinem Vater ins Stadion: Stehplätze, kalt, vor uns Kuttenträger mit gewaltigen Trommeln. Ich konnte die neunzig Minuten lang meist gar nicht stehen und setzte mich in der zweiten Halbzeit auf die Betonplatten zwischen die Beine der Erwachsenen.

Meist kriegte ich nicht so viel vom Spiel mit. Ich war auch noch klein, und die Zeit erschien mir endlos. Der MSV war nicht so erfolgreich und glänzend wie etwa die Bayern, und ich blieb hin-und hergerissen, aber erstmal solidarisch. Später erklärte ich mich dann zum Bayern- sowie Duisburg-Fan. Nach der Schule zog ich weg und hatte Jahre nichts mehr mit Fußball zu tun.

Seit meine Söhne Fußball spielen, ist das wiedergekommen. Mit dem Jüngsten gehe ich seit drei Jahren zur Mehrzahl der Heimspiele und zu einigen Auswärtsspielen in der Region. Ich finde die neue Truppe um Sasic und Hübner verkörpert wieder das, was den MSV immer ausgemacht hat, und was ich mittlerweile mehr zu schätzen weiß denn als Kleiner: Einsatzwille und
Zusammenhalt, Spielwitz, taktische Intelligenz und Solidität. Ich glaube, das sind mit dem Fußball urprünglich verbundene Werte, die aber nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt haben.

12. November 2010 / Kees Jaratz

Sport Thielen – Meidericher Alltagsgeschichte

Auf der Fahrt zum Heimspiel gegen die SpVgg Greuther Fürth kamen wir anreisenden Kölner auf ein Stück Alltags- und Ortsgeschichte Meiderichs zu sprechen. Da habe ich kurzerhand die Kamera als Diktiergerät benutzt, um diese weiteren Mosaiksteinchen Fan-Gedächtnis rund um den MSV Duisburg festzuhalten. Wir haben über ganz dunkle Erinnerungen geredet. Die müssten ergänzt werden. Eben deshalb stelle ich das Gespräch trotz seiner geringen Informationsdichte hier ins Netz – als Aufforderung, die eigenen Erinnerungen an das Meidericher Sportgeschäft Thielen im Besonderen und an das Kaufen von Sportausstattung im Allgemeinen hinzuzufügen.

R. L. (Jahrgang 1962):  Auf der Bahnhofstraße war doch dieses Sportgeschäft? Sport Thielen. Hieß das so? In den 60ern und 70ern. Da gab´s noch keine Fan-Shops und so´n Zeugs.

Kees Jaratz:  Ein SportFACHgeschäft… Sport Thielen… Ich glaube, das stimmt, so hieß das. Wenn man Richtung Bahnhof fährt, auf der linken Seite. Da war das, zwischen Ritterstraße und Weißenburger Straße. Das war ein ganz kleines Ladenlokal.

R. L.: Die haben MSV-Trikots verkauft. Die haben natürlich auch alles andere gehabt. Da bist du hingegangen, wenn du in Meiderich Sportklamotten gebraucht hast. Gab es da nicht auch eine Angestellte, die beim MSV Sportlerin war. … Leichtathletik? … Keine Ahnung … Hat der Thielen dem MSV nicht auch die Trikots für die Mannschaft gestellt?

K. J.: Weiß ich nicht. In den 70ern noch? Später mit Trikotwerbung? Wann haben die zugemacht?

R. L.:  Ende der 80er?

K. J.: Ich weiß noch, als ich aufs MPG kam, musste meine Mutter bei Thielen ein blaues Turnhemd kaufen und so einen rautenförmigen Aufnäher mit dem Meidericher Hahn drauf. Am Rand, um den Meidericher Hahn drumherum, war Max-Planck-Gymnasium draufgewebt … und wahrscheinlich Duisburg-Meiderich. Das weiß ich aber nicht mehr … Das Abzeichen musste man selbst auf das Hemd nähen. Das gehörte zu den Dingen, die von der Schule bei der Anmeldung zur fünften Klasse 1972 verlangt wurden. Gebraucht haben wir das  Turnhemd eigentlich nicht. Erst haben wir das natürlich angezogen, aber später auch andere Sachen … Ich weiß noch, wie aufwändig das war, das Abzeichen aufzunähen. Da musste eine Cousine meiner Mutter mit Nähmaschine helfen. Die hatte eine elektrische Nähmaschine, das war was ganz Besonderes. … Brauchtet ihr das Turnhemd nicht mehr?

R. L.: An so ein Turnhemd in blau kann ich mich erinnern. Aber Aufnäher? Das weiß ich nicht. Nein. … Aber an Aufnäher für die Badehose kann ich mich erinnern. Die gab es da auch. Frei- und Fahrtenschwimmer. Musstest du aber den Nachweis mitbringen. Sonst hast du die nicht bekommen.

K. J. (lacht): Die waren aber streng.

Weitere Gedanken über Sport Thielen wurden durch die Überlegungen zum Umfahren des Megastaus auf der A3 verhindert.

Vielleicht wisst ihr ja noch mehr …

12. August 2010 / Kees Jaratz

Wie ich zum MSV kam

Nach dem Still-Leben Ruhrschnellweg hatte ich eine Rundmail rausgeschickt an alle, die mir ihre E-Mail-Adressen gegeben hatten. Nun kommen die ersten Antworten. Für mich stellt sich dabei heraus, dass ich auf jeden Fall zusätzlich zu den E-Mail-Antworten im Laufe der Zeit auch Interviews machen werde.

Außerdem will ich nach dem Urlaub nicht allzu viel Zeit verstreichen lassen, ehe ich die Antworten veröffentliche. Deshalb setze ich die Worte dieses weiblichen MSV-Fans online, auch wenn ich noch weiß, wie sie es mit der Nennung ihres Namens halten will. Bis ich die Antwort auf meine Nachfrage erhalte, bleibt sie also erst einmal anonym.

A.B.  (* 1962)

Es war die WM ´74 in Deutschland, die mich zum ersten Mal mit Fußball in Berührung brachte. Mein Vater ging damals schon immer zum MSV. Mein Lieblingsspieler wurde Berti Vogts von Borussia Mönchengladbach. Natürlich wurde das dann auch erst einmal mein Verein. Da ich nach Ansicht meines Vaters mit knapp 12 jahren noch zu jung war, um alle 2 Wochen von Duisburg nach Gladbach zu fahren und das auch noch alleine, konnte ich damals die Spiele von Gladbach nur in der Sportschau verfolgen.

Um überhaupt live Fussball zu sehen, ging ich mit meinem Vater dann immer ins Wedaustadion. Aber meine Sympathie galt weiter den Borussen aus Gladbach. Ein Jahr später, 1975 dann, spielte der MSV in Mönchengladbach und es wurde erstmals ein Fanbus eingesetzt. Ich erhielt die Erlaubnis meiner Eltern mitzufahren. So kam ich zu meinem ersten Spiel live bei den Borussen. Wie das Spiel damals ausging, weiß ich gar nicht mehr, aber eins weiß ich, schon während des Spiels überfiel mich dieser MSV-Virus. In mir ging ein Wandel vor. Ab dem nächsten Spieltag schlug mein Herz für den MSV, und das ist bis heute so geblieben. Ich bin in den 70ern sehr viel mit dem MSV unterwegs gewesen. So waren wir beispielsweise in Straßburg beim UEFA-Cup- Spiel des MSV – auch wenn das mitten in der Woche war und ich am nächsten Tag wieder Schule hatte. Nur 3 Stunden Schlaf! Aber egal, für den MSV haben wir damals viel auf uns genommen.

Inzwischen habe ich selbst Kinder. Und wie sollte es anders sein, als dass die auch mit dem MSV-Virus infiziert sind? Meine Tochter ist erst 9 Jahre alt, und sie geht seit dem vierten Lebensjahr zum MSV. Sie hat uns auch schon auf vielen Auswärtstouren begleitet. So war sie sogar schon in München und in Berlin. Als mein ältester Sohn am vergangenen Freitag geheiratet hat, wurde sogar die MSV-Hymne vor der Trauung gespielt, weil er seine Frau durch den MSV kennenlernte. So sind wir alle mindestens bei jedem Heimspiel des MSV dabei. Wir alle sind im MSVPortal angemeldet und Mitglied der Zebraherde e.V.

22. Juli 2010 / Kees Jaratz

Wie es war, MSV-Fan zu werden

Saison 2008/2009

Swisspinguin

Im hohen Alter von 48 nach Duisburg gefahren. Verwandte besucht. Cousin kam auf die Idee zum MSV zu gehen. Das erste Mal im Stadion gewesen. Dann vorm Spiel MSV-Lied gehört. Eiskalt ist es mir den Rücken runter gelaufen. Dann beim Spiel Spieler Kouemaha gesehen. War wie ein aufgezogenes Spielzeug von früher. Immer am laufen und am laufen und am laufen. Da befiel mich der MSV-Virus.

Jetzt hier,  in Köln: Auto dekoriert, Zimmer dekoriert. Auf der Arbeit Kollegen MSV-Lied vorgespielt. Jetzt immer online gucken, was macht der MSV. Ende August geht´s wieder los.

20. Juli 2010 / Kees Jaratz

Mitten in das Schalker Herz

Saison 1977/78

Kees Jaratz (* 1961)

In den 70ern, als Jugendlicher ging ich mit Freunden zusammen zu den Heimspielen ins Wedaustadion. Auch zu einzelnen Auswärtsspielen machten wir uns auf, doch so eine Fahrt in der Clique blieb auf die engere Region um Duisburg beschränkt. Der Besuch der Spiele in Düsseldorf, Uerdingen und Essen war keine Frage für uns. Nach Schalke, Dortmund, Bochum oder Köln fuhren wir schon nicht mehr so selbstverständlich. Wenn aber Erwachsene oder große Brüder sich zur Fahrt mit dem Auto bereit erklärten, nutzten wir auch einzeln die Chance, selbst wenn nicht alle aus dem Freundeskreis mitfahren konnten oder wollten.

Am ersten Samstag im Dezember 1977 fand das Auswärtsspiel gegen den FC Schalke 04 statt. Es war das letzte Spiel der Hinrunde, und allzu viel erhoffte ich mir nach den Ergebnissen der davor liegenden Jahre nicht. Bei den drei Niederlagen in den Spielzeiten zuvor war der MSV  zweimal mit fünf Gegentoren nach Hause gefahren. Andererseits lag eines der beeindruckendsten Spiele der MSV-Geschichte gerade knapp einen Monat zurück. Das war jener legendäre MSV-Heimsieg gegen den FC Bayern München, bei dem Bernard Dietz den MSV nach zweimaligen Rückstand in der 78. Minute mit 4:3 in Führung brachte und als einziger und damit viermaliger Torschütze des MSV bis dahin für die Möglichkeit des Sieges sorgte. Fünf Minuten später brachte ein Tor von „Ronnie“ Worm die endgültige Entscheidung. Das 6:3 von Norbert Stolzenburg war dann noch das Sahnehäubchen in diesem Spiel.

Ich hatte bis zu dem Dezember also eigentlich eine der besseren MSV-Spielzeiten meines noch nicht ganz so langen Fan-Daseins gesehen. Warum mein Stiefvater mir anbot, nach Gelsenkirchen zu fahren, weiß ich nicht mehr. Seine Heimat war Oberhausen, und am MSV-Geschehen nahm er erst Anteil durch meine Mutter und mich. Ich weiß nicht einmal, ob er vor diesem Samstag überhaupt einmal ein Spiel des MSV Duisburg in einem Stadion gesehen hatte. Jedenfalls stand am Samstagmorgen plötzlich die Frage im Raum, sollen wir nach Gelsenkirchen fahren? Da sagte ich nicht nein.

Mein Stiefvater wusste, dass immer wieder bei Heimspielen des FC Schalke 04 auf der A 42 vor der Abfahrt zum Parkstadion ein Stau entstand. Auch für diesen Samstag befürchtete er ihn, und so brachen wir in Meiderich sehr früh schon auf. Viel zu früh. Problemlos kamen wir auf den Parkplatz, wo sich noch kaum Autos befanden, und nur vereinzelt schlenderten Zuschauer zusammen mit uns zum Stadion. Dort waren noch nicht einmal sämtliche Kartenkontrolleure an den Eingängen verteilt und von weitem sahen wir, wie die Kartenverkäufer in den Kassenhäuschen noch geschäftig allerlei andere Dinge erledigten. Nur wenige waren schon dazu bereit, Eintrittskarten zu verkaufen.

In der blau-weißen Schalker Umgebung fiel mein weiß-blauer Duisburg-Schal von etwa zwei Meter Länge nicht weiter unangenehm auf. Ganz im Gegenteil, wie sich dann herausstellte. Ich wollte in Richtung eines Kassenhauses laufen, als mich ein Mann ansprach. Ob ich mir ein paar Mark verdienen wollte?, fragte er. Eintritt für das Spiel müsste ich auch nicht zahlen, fügte er hinzu und mein Platz befände sich sogar auf der  Sitzplatztribüne. Ich müsste nur vor dem Spiel am Eingang die Eintrittskarten der Zuschauer abreißen. Er würde auch dafür sorgen, dass ich auf jeden Fall so früh gehen könne, dass ich zum Anpfiff an meinem Platz sei.

Ich zögerte. Doch aufmunternde Worte von meinem Stiefvater zusammen mit der Aussicht, das erste Mal einen Sitzplatz einzunehmen, gaben den Ausschlag. So stand ich kurz danach an einem Eingangstor. Die Schalker Zuschauer freuten sich am vermeintlichen Blau-Weiß des Schals um den Hals des ungewohnt jungen Kartenabreißers. In meinen jugendlichen Augen sahen die anderen Kartenabreißer alle nach Rentnern aus. Aber wahrscheinlich war es damals nicht anders als heute, und auch Männer im mittleren Alter rissen die Karten ab. Nur Sicherheitsunternehmen gab es eben nicht als Sub-Unternehmer, und Fan-Utensilien waren ausschließlich eine Angelegenheit von Jugendlichen. Deshalb fiel der Schal am Stadioneingang besonders auf. Denn erwachsen waren damals nahezu alle Zuschauer ab Anfang zwanzig.

Richtig wohl fühlte ich mich in meiner Haut nicht. Keineswegs wagte ich all den Männern zu widersprechen, die mir väterlich und erwartungsfroh den Schalke-Sieg verkündeten. Dafür hielt sich der Ansturm in Grenzen, und das eigentlich Entwerten der Eintrittskarten überforderte mich nicht. Kurz vor dem Spiel durfte ich dann mit einer ersten Gruppe von Kontrolleuren zu meinem Tribünenplatz gehen. Er befand sich nahe an einer Kurve, auf dem Oberrang der Tribüne, etwas abseits von den anderen Zuschauern. Unter all den älteren Männern, die sich schon seit Jahren zu kennen schienen, kam ich mir ziemlich einsam vor. Dieses Fußballspiel mir anzusehen, wurde so anders als das Gemeinschaftserlebnis Stadionbesuch, das ich bislang kannte.

An die erste Halbzeit des Spiels habe ich deshalb auch nur verschwommene Erinnerungen. Ich meine es war ausgeglichen, und der MSV gestaltete das Spiel offen. Mit dem 0:0 zur Halbzeitpause war ich zufrieden. In der Pause wurde das Geld ausgezahlt. Ich weiß nicht mal mehr, wie groß die Summe gewesen ist. Zwanzig Mark? Fünfzehn? Ich weiß es nicht mehr. Die zweite Halbzeit begann. Ich war wieder auf meinem Platz und wusste allmählich nicht mehr, ob ich vor dem Spiel die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auf dem Stehplatz hätte es mir sicher mehr Spaß gemacht, das Spiel zu sehen, andererseits wusste ich auch, am Montag, in der Schule konnte ich eine gute Geschichte erzählen. Und diese Geschichte wurde noch besser. Ob es tatsächlich ganz so gewesen ist, kann ich wieder nicht beschwören, aber in meiner Erinnerung blieb das Spiel zäh und viele Chance gab es nicht. Dann aber erhielt Kurt Jara etwa Mitte der zweiten Halbzeit in zentraler Position an der Mittellinie den Ball und begann in die gegnerische Hälfte zu dribbeln. Er nahm immer mehr Fahrt auf und setzte schließlich irgendwann zu einem Schuss an.

Kurt Jara gab seinem Körper vor diesen Weitschüssen mit einer sehr typischen weit ausholenden Armbewegung Schwung. In meiner Erinnerung taucht diese Armbewegung immer wieder auf. Dabei weiß ich nicht mal genau, ob ich sie für das Schalke-Spiel nicht aus einem Heimspiel oder aus einem Sportfoto in meine Erinnerung hineinkopiert habe. Jedenfalls weiß ich mit Sicherheit, Volkmar Groß im Tor der Schalker war bei dem Schuss chancenlos. Dieses Führungstor durch Kurt Jara in der 72. Minute wurde später zum Endstand des Spiels, und es war ein Tor, bei dem ich mich unter all den Schalker älteren Herren nicht laut zu freuen wagte. So erhielt ich an diesem Nachmittag in Gelsenkirchen neben freiem Eintritt und dem zusätzlichem Taschengeld noch eine überraschende Übung in  Selbstbeherrschung. Wahrscheinlich war die so anstrengend, dass ich weder den Rest des Spiels im Gedächtnis behalten konnte noch die Zeit nach dem Abpfiff, als ich zum Parkplatz zurückging, um meinen Stiefvater wieder zu treffen.

Bei der Rückfahrt setzt die Erinnerung wieder ein. Endlich konnte ich den von mir nicht erwarteteten Auswärtssieg genießen und die erste und einzige Siegprämie, die ich als Zuschauer erhalten habe. Eine Siegprämie vom gegnerischen Verein, dem FC Schalke 04.

13. Juli 2010 / Kees Jaratz

Es muss schnell gehen

Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum nächsten Sonntag, an dem ich die ersten Erinnerungen zum MSV Duisburg beim Still-Leben Ruhrschnellweg erzählt bekommen möchte. Da ich diese Erinnerungen sogleich auch wieder öffentlich machen möchte, ist die Seite hier mit schnellen Mausklicks zusammengestellt. Was der WordPress-Account hergibt, habe ich genommen. Das Design wird sich sicher noch ändern. Fürs erste langt der Rahmen, um Worte in die Welt zu bringen. Was ich selbst von meinen Erinnerungen für bewahrenswert halte, möchte ich vorher noch aufschreiben. Vielleicht gibt so eine eigene Erinnerung ja sogar einen Anstoß, auch in entfernteren Winkeln des Gedächtnisses nachzuschauen.

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