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17. März 2011 / Kees Jaratz

Zum Glück ist Wacker nicht der Spielverein – Teil 1

Hans F. (* 1939)

Es muss 1954 gewesen sein, als ich das erste Mal beim MSV war. Da spielten die noch auf der Westender Straße. Da war noch das alte Stadion. Der MSV spielte in der Oberliga. Das war ja die höchste Liga, und da habe ich erstmal richtig Fußball gesehen … wie Fußball gespielt wurde. Da kamen ja auch die ganzen Vereine wie Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne und alles und vor allen Dingen waren zu der Zeit schon diese vielen Zuschauer bei den Spielen. Ich glaube, in das Stadion gingen ja 20.000 Zuschauer rein. Das war schon enorm für mich. So was hatte ich ja noch nie gesehen. Ich kam ja … wie sagt man …sagen wir mal, von so einem Klüngelsverein. Da waren ja höchstens an die fünfzig, sechzig Zuschauer immer. Das war noch in Schleswig-Holstein, so ein Dorfverein.

Nach Duisburg waren wir ja gekommen, weil mein Bruder hier auf der Zeche Arbeit bekommen hatte. Die vom Bergbau sind damals durch die Gegend gefahren und haben Reklame gemacht. Die waren damals überall, in den Städten und so und auch in Schleswig-Holstein, und aufgrund dessen hat mein Bruder sich gemeldet. Und weil mein Bruder jetzt hier unten war, konnten wir auch umsiedeln. Wir waren ja sowieso noch drei Kinder, die noch Arbeit suchten und aufgrund dessen sind wir dann hier runter gezogen – in den Kohlenpott.

Ich komme ja eigentlich aus Schlesien und nach Schleswig-Holstein sind wir nach dem Krieg gekommen. Wir mussten ja unsere Heimat verlassen. Da kam an einem Tag die SS, und da hieß es, sofort hier weg, nur das Nötigste mitnehmen, in sechs Wochen seid ihr wieder zu Hause. Aber drei Monate später waren wir in Schleswig-Holstein. Da sind wir dann für neun Jahre gelandet. Als kleines Kind hatte ich in der Nähe von der Schneekoppe gelebt. Nachdem wir da weg mussten, haben die uns in den ersten zwei Tagen auf diesen großen Lkws durch die Gegend gefahren und dann war auf einmal Schluss. Da waren die Russen vor uns. Die ganzen Soldaten haben reißaus genommen, und dann ging´s zu Fuß weiter – bis zu so einem Aufnahmelager. Da wurden wir dann entlaust, und von da aus wurden wir verteilt. Wir mussten nach Schleswig-Holstein. Da habe ich mit meiner Mutter und meinen drei Geschwistern neun Jahre auf einem Bauernhof gelebt, und da bin auch zur Schule gegangen.

Und dann erst kam Meiderich wegen meinem Bruder. In Meiderich musste ich noch ein Jahr zur Schule gehen, weil ich in Schleswig zu spät eingeschult wurde. Als wir in Meiderich ankamen, wollte ich auch sofort den Meidericher Spielverein sehen. Weil ich vorher immer schon die Zeitung gelesen hatte mit den ganzen Tabellen vom Fußball, deshalb kannte ich den Meidericher Spielverein. Da bin ich dann los und hab einen auf der Straße gefragt, wo spielt der Meidericher Spielverein? Ja, und da hat der mich nach Meiderich-Berg geschickt. Zu Wacker Meiderich! Ich weiß noch, da bin ich von Mittelmeiderich aus durch den Tunnel durch. Der hatte gesagt, wenn du da durchkommst, direkt links, hinter dem Berg, da ist der Platz. Ooh, was war ich erschrocken. Da hatten wir ja da oben in dem Dorf einen besseren Sportplatz. Das Spiel habe ich mir angeguckt. Und auch das Spiel, das war genauso wie da oben auf dem Dorf. Ich bin wieder nach Hause, und auf dem Weg nach Hause da traf ich einen Schulkollegen, und den habe ich gefragt: „Hör mal, das ist doch nicht der Meidericher Spielverein?“ „Ne!“, hat der gesagt, „Wart mal Sonntag, dann gehen wir beide auf den Platz.“ Ja, und dann hat er mich dann zur Westender Straße mitgenommen.

Bei dem ersten Mal haben wir dann Eintritt bezahlt, aber später sind wir auch viel über den Zaun geklettert. Auf einer Seite waren ja nur Gärten, und da sind wir dann rüber gekrochen und haben uns da reingemogelt. Und ich hatte nachher das große Glück, dass bei mir in der Klasse der Peter Danzberg war und der spielte ja in der A-Jugend beim MSV. Wir waren gut befreundet, und der hat mich immer mitgenommen. Da bin ich auch zu den Spielen mit, wo die gespielt haben, sagen wir mal nach Hamborn. Da bin ich dann überall mitgefahren – immer mit der Straßenbahn.

So bin ich beim MSV geblieben. Da wollte ich auch mal zur Leichtathletik rein. Aber da war so ein blöder Trainer. Der hat Sprüche losgelassen … das fand ich nicht in Ordnung. Wenn du neu bist, und wenn sich dann einer so ausdrückt … ich will die Wörter gar nicht wiederholen, die der alle zu mir gesagt hat. Da habe ich gesagt, der kann mich mal. Tschüss, und weg war ich. Dann bin ich zu diesem Turnverein in Meiderich, wie hieß der noch, ich komm jetzt nicht auf den Namen, und von da bin ich zum Ruhrorter Turnverein. Aber zum Fußballgucken bin ich immer noch zum MSV gegangen. Da bin ich noch lange hingegangen. Dann habe ich anfangs auch noch Bundesligaspiele gesehen … danach aber irgendwann nicht mehr … nicht im Stadion.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

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