Skip to content
1. März 2013 / Kees Jaratz

Meiderich – ich – und der MSV

Sigi (*1954)

Mittlerweile 58 Jahre, seit Mitte der 80er Jahre eingefleichter FC St. Pauli-Fan, war meine erste große Fußball-Liebe der Meidericher SV! Geboren in Hamborn und ab 1957 in Untermeiderich aufgewachsen war der Weg zum MSV fast zwangsläufig.

Ich kickte mit meinen Kumpels meist zwischen den damals noch reichlich vorhandenen Trümmergrundstücken oder knallte die Pille ständig gegen irgendwelche Garagentore.
Der Meidericher Stadtpark mit seiner großen Spielwiese war grundsätzlich für Ballspiele gesperrt und wenn sich jemand über das Verbot des Parkwächters hinwegsetzte waren die Jungs meist viel älter als ich und meine Freunde. In den Schulpausen wurde auf dem schönen Schulhof der Dislichstraße meist mit einem kleinen Tennisball gekickt. Die Tore wurden mit großen Papierkörben markiert.

Irgendwann reichte mir das Kicken auf der Straße nicht und mein Vater kaufte mir richtige Fußballschuhe bei einem Schuster, der sein Geschäft „Unter den Ulmen“ hatte. Dann ging es 1963 im Sommer zum MSV in die Westender Straße. So viel ich weiß, war zu der Zeit die D-Jugend noch die jüngste Mannschaft, in der ich mit meinen 8 Jahren zuerst spielte.

Umgezogen wurde sich in wirklichen Umkleidebaracken, die auf der Höhe der jetzigen Schulturnhalle standen. Dort und auf dem Gelände der jetzigen Schule gab es noch einen Fußballplatz, der meist nur an den Rändern ein wenig Rasen aufwies. Hier trainierte uns ab und zu auch Werner Lotz aus der 1. Mannschaft.

Nach dem 2. oder 3. Training kam dann der große Moment: Der Trainer sagte mir, dass ich bei Sport Thielen in der Meidericher Bahnhofstraße mir ein Zebra-Trikot kaufen sollte und dann damit zu unserem ersten Punktspiel zu erscheinen hätte.

Es muss sehr heiß gewesen sein an dem Tag. Jedenfalls bin ich mit angezogenem Trikot und Fußballschuhen, also mit kompletter Fußballmontur, in den Bus gestiegen und zum Spielertreffpunkt gefahren. Der Trainer und die anderen Mitspieler waren ziemlich verwundert, dass ich schon komplett spielfähig angezogen dort so auftauchte. Ich hatte auch sonst nichts da. Umziehklamotten, Duschzeug, Essen und Trinken: Fehlanzeige.

Das Spiel ging dann 0:0 aus  – ich glaube gegen Duisburg 08 -,  und ich traf in meinem allerersten Punktspiel den Pfosten. So ein Mist.

Im Herbst 1963 sollte aber ein absoluter Höhepunkt auf mich warten: Ballholer im Wedau-Stadion beim Spiel: Meidericher SV gegen den großen Hamburger SV. Ich betrat erstmals den heiligen Rasen an der Wedau! Das Stadion kam mir bombastisch groß vor. Ich glaube bei dem Spiel waren ca. 40.000 Zuschauer, die mächtig Krach machten. Ich stand mit einigen Jungs aus meiner Mannschaft in der 2. Halbzeit direkt hinter dem Hamburger Tor auf der Aschenbahn. Ein super Platz: Wir konnten in kurzer Zeit 4 Tore unseres MSV bejubeln! Außerdem warfen wir kleine Steine und Sand von der Aschenbahn von hinten durch das Tornetz auf den Torhüter Schnorr vom HSV, um ihn abzulenken.

Danach versuchte ich im Training teilweise besonders schlecht zu spielen, um wieder als Balljunge für ein Bundesligaspiel im Wedau-Stadion eingeteilt zu werden. Denn früher ging die Einteilung so: Die Guten spielten am Samstag die D-Jugendspiele und die Schlechten waren die Balljungen an der Wedau.

3. Juli 2012 / Kees Jaratz

Zu meiner Zeit

Manfred Wiegandt (* 1956)

Zu meiner Zeit (Abi 1976) auf dem Max-Planck-Gymnasium (MPG) haben wir an der Westender Straße vor dem Sportunterricht öfters Dietmar Linders noch ein paar Bälle „drauf“ schießen können. Er hat uns dann auch vor dem Platzwart beschützt. Als ich noch in der Grundschule war, sind wir mit dem Fahrrad in Meiderich herum gefahren und haben bei den Spielern angeklingelt, um nach Autogrammen zu fragen. Die Adressen hatten wir aus dem Telefonbuch. War damals noch möglich – zum Beispiel bei Werner „Eia“ Krämer, der später öfters in unserer Stammkneipe am Markt bei O’Kelly sein vom Bierwärmer gewärmtes Pilschen trank. Oder bei Versteeg; er wohnte, soweit ich mich entsinne, in einer kleinen Mietwohnung auf der Von-der-Mark-Straße in Meiderich gegenüber der katholischen Kirche. Seine Freundin (oder Frau) führte uns in die Wohnung, wo sie uns ein Autogrammbild heraussuchte, oder Manfred Müller da sind wir auch hin. War das in Obermeiderich? Überhaupt war es nicht so etwas Außergewöhnliches, wenn man einem MSV-Spieler in Meiderich über den Weg lief. Lulu Nolden, immer noch der treffsicherste Elfmeter-Schütze, den der MSV je hatte, eröffnete nach Ende seiner Karriere eine Kneipe auf der Gabelsberger Straße gegenüber der Post. Seine Tochter war in der Klasse meines „kleinen“ – zweieinhalb Jahre jünger als ich – Bruders. In der gleichen Straße, nicht einmal hundert Meter entfernt, hatte Michael Bella, einer der zuverlässigsten Verteidiger in der Zebra-Geschichte und außerdem immer noch der Rekord-BL-Spieler der Zebras, einen Betrieb, und man sah ihn öfter sogar noch während seiner aktiven Zeit dort.

Mein Sportlehrer am MPG und auch derjenige, der meine Fußball-Abiturprüfung abnahm, war damals Klaus Quinkert, und ich kann immer noch erzählen, dass ich von einem Bundesligatrainer – Bayer Uerdingen – „trainiert“ wurde. Quinkert war ein ausgesprochen netter Mensch, dem es Nichts ausmachte, neben den Halbprofis (!) von Bayer Uerdingen – darunter z.B. Friedhelm Funkel – auch talentierte und untalentierte Kinder an der Schule zu unterrichten. Einmal verlor aber selbst dieser gutmütige Mensch die Geduld. Nachdem der MSV im Auswärtsspiel an der Grotenburg-Kampfbahn in Krefeld die Uerdinger 4:0 abserviert hatte, musste sich der Trainer am Montagmorgen von einer Klasse in der Turnhalle des MPG die Rufe „Absteiger, Absteiger“ anhören. Nun denn, die Lauthälse brauchten ihren Atem bald beim außerplanmäßig von Quinkert angeordneten Circle-Training.

Reiner Piepenburg war auch auf dem MPG. Er spielte beim MSV in der Jugend und gehörte zu der A-Jugend, die 1978 überraschend die Deutsche Meisterschaft verteidigte. Ich war im Essener Uhlenhorst-Stadion als Zuschauer mit dabei. Pierre Littbarski war in der gegnerischen Mannschaft von Hertha Zehlendorf und spielte in der ersten Halbzeit seinen Gegenspieler Jasinek – Wieso weiß ich den Namen noch? – schwindelig. In der zweiten Halbzeit stellte Trainer Wenzlaff um und Gebauer brachte Litti besser in den Griff, so dass der MSV noch klar mit 5:2 gewann. Ich habe die A-Jugend des MSV schon verfolgt, als sie das erste Mal Meister wurde – mit Ronnie Worm und mindestens fünf weiteren späteren BL-Spielern unter Trainer Willibert Kremer. Ich erinnere mich da an ein Freundschaftsspiel gegen den HSV an der Westender Straße. Wir sind dort immer durch ein Loch im Zaun geschlüpft. Manni Kaltz, Rudi Kargus und Peter Hidien, alle spätere BL-Spieler, spielten für die Hamburger. Der MSV gewann 2:1; Worm schoss ein Tor – oder waren es beide? – , ein satter Schuss vom linken Strafraumeck aus in den Winkel. Wir nannten Reiner Piepenburg immer Piepe.

Schon seit frühester Schulzeit haben wir und eine Reihe anderer Kinder aus der Umgebung fast täglich auf dem Bolzplatz an der Stolzestraße zusammen Fußball gespielt. Sie heißt jetzt südlich der Bürgermeister-Pütz-Straße, also dort, wo für mich damals die Musik spielte, Hermann-Bongers-Straße. In derselben Straße wohnte auch der damalige Bundesliga- und spätere FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig; er hat über 150 BL-Spiele gepfiffen. Sein Sohn, der zwei, drei Jahre jünger war als ich, schiedsrichterte auch schon früh. An der Ecke Stolzestraße/Letjensstraße gab es einen Tante-Emma-Laden, der von den Eheleuten Stamm betrieben wurde. Das war ein Laden, bei dem man noch anschreiben lassen konnte. Die Rechnung wurde dann bezahlt, wenn der Vatter sein Monatsgehalt bekam. Ihr Sohn Achim, damals Ende 20/Anfang 30, war mit im Laden tätig und hatte immer eine freundliche Geste für uns. Es ging damals das Gerücht um, er sei einmal ein talentierter Fußballer beim MSV gewesen, habe dann aber aufgrund einer Verletzung die Karriere beenden müssen. Kam man mit einem Ball am Laden vorbei, demonstrierte er meist kurz seine Dribbelkünste. Wir waren immer fasziniert, wenn jemand gut „fummeln“ konnte, wie wir das Dribbeln bezeichneten. Vor ein paar Jahren habe ich dann in einer MSV-Chronik das Gerücht bestätigt gesehen. Er war zusammen mit u.a. Krämer, Heidemann, Müller und Danzberg auf einem Foto nach dem Gewinn der Niederrhein-A-Jugend-Meisterschaft im Jahre 1955 zu sehen.

Auf dem Bolzplatz an der Stolzestraße  – Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hieß er für uns immer „Stalzberg“ mit Betonung auf Berg –  haben wir auch „Lattentreffen“ (Pfosten 1 Punkt, Latte 2 Punkte, Lattenkreuz 3 Punkte, das Ganze bis 21) oder „Auspunkten“ gespielt. Bei Letzterem musste der Ball immer direkt aus der Luft verwandelt werden. Jeder hatte 21 Punkte, und wer einen Fehlversuch hatte, musste ins Tor. Nur der Torwart konnte Punkte verlieren, wenn er einen Ball durchließ. Am Samstagmorgen spielten wir oft die BL-Spiele „vor“, die dann so ausgingen, wie wir es gerne wollten, wohl der einzige Ort, an dem der MSV nie verlor. Piepe war damals noch der Kleinste, durfte aber, weil er so einen Torriecher hatte, bei uns Größeren mitspielen. Manchmal wurden wir von noch Größeren oder gar Erwachsenen vom Platz vertrieben, einmal sogar während eines Klassenspiels. Ich war in dem Spiel Torwart gewesen. Auf Asche hatte man da trotz aller Polsterungen immer aufgeschlagene Knie. Der erste Schuss des anderen Teams, das eine Klasse höher  – 4.? –  war als wir, landete aus kurzer Entfernung direkt in meinem Gesicht. Ich lag benommen im Tor und hörte meine Schulter klopfenden Mannschaftskameraden sagen: „Klasse gehalten!“

Der Platz an der Stolzestraße war ein kleiner Ascheplatz. Wenn man richtig Fußball spielen wollte, musste man etwas weiter, an die Borkhofer Straße, gehen, zum „Acker 17“. Später musste der Platz dort dem inzwischen wieder abgerissenen Meidericher Hallenbad weichen; heute gehört der Bereich zum Vereinsgelände des MSV. Das war ein Fußballplatz mit richtigen Dimensionen und richtigen Toren. Dennoch spielten dort meist viele Kinder in verschiedenen Spielen und steckten sich Tore mit Stöcken oder Kleidungsstücken ab. Der große Vorteil hier war, dass es kein Hartplatz, sondern so etwas wie Rasen-, besser (abgetretener) Grasplatz war. Ich erinnere mich noch genau, dass in dem Bereich hinter dem zur Straße gelegenen Tor große Brennnessel-Flächen waren, aus denen der Ball häufig herausgeholt werden musste. Als ich kleiner war, ging ich seltener dorthin. Es war weiter weg von zu Hause, und ich hatte kein geeignetes Fahrrad. Obwohl – in der Grundschule bis in die ersten Jahre des Gymnasiums war bei uns das Rollerfahren noch „in“. Wir waren mit unseren Rollern, deren Reifen knallhart aufgepumpt waren, oft schneller als jeder gleichaltrige Fahrradfahrer. Ich weiß noch, wie ich mit meinem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder – ich kann höchstens acht oder neun gewesen sein – auf Pantoffeln an der damaligen Straßenbahnlinie 9 entlang durch die Ruhraue und durch Duissern in die Duisburger Innenstadt rollerte und dann über Ruhrort und das Hafengebiet am Meidericher Stadtpark vorbei zurück kam. Unserer Mutter hatten wir zum Glück nichts davon gesagt. War ohnehin eine ganze spontane Idee gewesen. Wir wagten uns damals auch deshalb nicht oft zum Acker 17, weil wir dabei an der Ecke Gerrickstraße/Borkhofer Straße vorbei mussten. Dort gab es einige berüchtigte Häuser innerhalb eines Häuserblocks, den man durch einen Torbogen erreichte. Lief man auf dem Weg zum Acker 17 an dieser Ecke den falschen Jungen in die Arme, konnte man sich auf eine Abreibung gefasst machen. Vieles war dabei auch mehr Gerücht als Wahrheit, denn ich hatte zwei Klassenkameraden dort, mit denen ich befreundet war und mit denen ich – natürlich – Fußball spielte. Verkloppt wurde ich dabei nie.

Das ist für mich so charakteristisch für die damalige Zeit: wie uns der Fußball in jeder Hinsicht geprägt hat. In meinen Erinnerungen war das Bolzen die Hauptfreizeitbeschäftigung, quasi überall, wo man es tun konnte – und manchmal gar nicht durfte. Im Meidericher Stadtpark z.B. wurden wir regelmäßig vom Parkwächter, der auf einem Fahrrad mit einem Schäferhund patroullierte, von den Wiesen vertrieben. Aber auf „Rasen“ zu spielen, lockte uns so sehr, dass wir immer wieder kamen. Fußball war immer da, auch in der Schule. In den Freistunden veranstalteten wir auf  dem Handballplatz vor der Turnhalle immer Klassenspiele. Ich spielte auch in der Schulmannschaft, zusammen mit einigen weit besseren Schülern, zum Beispiel mit Uwe Hansel, der von der A-Jugend des MSV unter Quinkert zu Uerdingen wechselte und dort einige BL-Spiele und eine ganze reihe Zweitligaspiele absolvierte. Da ich ausgerechnet am letzten Tag des Jahres geboren war und die Altersgrenzen für Schulmannschaften sich anders als im Vereinssport nach dem Geburtsjahr richteten, schied ich immer ein Jahr zu früh aus der entsprechenden Mannschaft aus. Auf dem jährlichen Schulsportfest, das damals noch im Schwelgern-Stadion in Hamborn statt fand, war der Höhepunkt jedes Mal das abschließende Spiel Lehrer gegen Schüler des Abiturjahrgangs.

Schwer fällt es mir zu sagen, wann ich mich zum ersten Mal für Fußball zu interessieren begann. Es muss nach dem Umzug unserer Familie von Untermeiderich (St.-Vither-Straße) nach Mittelmeiderich in eine Neubauwohnung im sozialen Wohnungsbau auf der Bürgermeister-Pütz-Straße (an der Ecke gegenüber der Stolzeschule) gewesen sein. Ich war damals vier – genauer gesagt viereinhalb. Das war sehr wichtig, wie überhaupt jeder Tag, den man älter als ein anderes Kind war, enorme Bedeutung hatte. Wir hatten dort einen Innenhof, auf dem die Wäsche aufgehängt wurde und auf dem die etwa ein gutes Dutzend Kinder spielen konnten. Nicht viel freie Fläche, fast nur Beton, aber die Teppichstangen waren natürlich ideale Tore, wie auf allen Nachbarhöfen, auf denen man sich zum Bolzen herum trieb. Leider war das Fußballspielen verboten, wenn Wäsche hing, und das was sehr oft der Fall. Intensiver erinnere ich mich noch an das Fußballspielen auf einem kleinen Schulparkplatz auf der Stolzestraße, der nach Schulschluss meist frei war. Wir markierten an einer Wand mit Kreide ein Tor und spielten dann auf ein Tor bis zehn. Der Torwart warf den Ball immer unparteiisch über den Rücken ab. Ich war damals einer der Torschützenkönige und erzielte meist mehr als die Hälfte der zum Sieg erforderlichen Treffer. Wenn der Parkplatz ganz frei war, wurde dann auch richtig auf zwei Tore gespielt. Ein anderer verbotener Platz war ein Stück Rasenfläche neben der FINA-Tankstelle gegenüber unserem Haus. Der Tankwart war jedoch ein recht miesepetriger Typ, der uns regelmäßig vertrieb. Im Sommer allerdings, wenn die Tankstelle am Abend geschlossen war, wir Ferien hatten und es noch bis nach zehn Uhr hell war, konnten wir dort ohne diese Interventionen bis spät abends „auf Rasen“ bolzen. Das Allergrößte war für uns, wenn wir den heiligen Rasen an der Westender Straße betreten und dort auf die richtigen Tore mit Netzen schießen konnten. Das Vergnügen dauerte aber nie sehr lange, da der MSV-Platzwart sehr aufmerksam war und keinen Unbefugten auf dem grünen Teppich duldete. Oft genug haben wir auch den Profis beim Training zugesehen: da war man in unmittelbarer Nähe von Ruuudi Seliger, dem holländischen Friseur Kees Bregman oder auch Kuddel Jara oder Flieger Gerhard Heinze und wie sie alle hießen.

Unsere Ausrüstung war damals noch bei Weitem nicht so elegant wie bei den heutigen Jung-Fußballern. Ich weiß gar nicht, wie alt ich war, als ich meine ersten Fußballschuhe bekam. Ich weiß nur, dass sie „Adidas Argentina“ hießen; der populärste Schuh war damals wohl „Adidas Uwe“. Später trug ich dann meist Puma-Schuhe, weil ich sie bequemer fand. Vielleicht auch, weil der MSV und Gladbach mit Puma ausgerüstet waren. Wir spielten meist auf Hartplätzen und daher wären Nockenschuhe oder auch nur einfache Sportschuhe eigentlich das Beste gewesen. Stattdessen war aber jeder bestrebt, Schuhe mit Schraubstollen zu bekommen. Das machte einen mehr professionellen Eindruck. Richtige Trikots hatten wir in der Regel auch nicht. Es war sogar recht schwierig für jemanden, der nicht im Verein spielte, einfach ein Trikot seiner Wahl zu kaufen. Eigentlich war das einzige Trikot, das man sah, das Zebratrikot. Dann raunten die anderen Jungen gleich: „Der spielt im Verein.“ Und man hatte gleich mächtig Respekt. Ein Freund von mir tauchte eines Tages auf dem Bolzplatz mit einem gelb-schwarzen Trikot auf und wir waren alle beeindruckt, einen Dortmund-Fan zu sehen. Doch dann offenbarte er, dass dies ein Trikot von Hamborn 07 sei, was ihm den Spott aller Anderen eintrug, obwohl Hamborn 07 damals noch in der Regionalliga West und damit zweitklassig war. Als Torhüter wollte man gerne Knieschoner haben, die auf den Hartplätzen sehr hilfreich waren. Ich glaube, dass ich aber nie welche bekam, obwohl ich als Pimpf gerne im Tor stand. Da mein Geburtstag Silvester und damit nur eine Woche nach Heilig Abend war, musste ich meine Fußball-Ausrüstungs-Wünsche auf das Ende des Jahres konzentrieren. Danach gab es nichts mehr. Ich ging dann meist zu dem kleinen Sportgeschäft Thielen auf der Bahnhofstraße in Meiderich. Der Sohn war in meiner Parallelklasse. Wichtig waren natürlich die Bälle, aber solche aus Leder waren teuer, und so haben wir anfangs meist mit irgendwelchen Plastikbällen gespielt, die dann natürlich regelmäßig, z.B. durch die Dornen hinter dem Tor, kaputt gingen. Ich hatte meinen  ersten guten Lederball erst, als ich schon studierte. Mein kleiner Bruder besaß einmal einen Basketball, der zwar unheimlich aufstolzte, wie wir sagten, aber recht haltbar war. Eines Tages nahmen ihm zwei Zwillinge den Ball weg, und er kam nach Hause. Meine Mutter schickte mich los, den Ball von den Jungen zurück zu holen. Die Zwillinge waren zwar ein wenig jünger als ich, aber dafür einen Kopf größer. Zum Glück hatten sie noch mehr Schiss vor mir als ich vor ihnen und der Ball kam nach einer Weile zurück. Bald darauf nahmen einige junge Arbeiter meinem Bruder den Ball in ihrer Mittagspause weg und spielten so lange, bis er schließlich kaputt war.

Das erste Mal, dass ich etwas vom Profi-Fußball hörte, muss wohl in der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 gewesen sein. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir sagte, dass Köln Tabellenführer sei, Meiderich sei Zweiter und Borussia Dortmund Dritter. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist es schon lustig, dass es für mich gar nichts besonderes war, dass Meiderich, also der Stadtteil, in dem wir wohnten, eines der besten Teams hatte. Ich kannte die Vereinsanlage des MSV wohl noch gar nicht richtig, obwohl sie nur etwa tausende Meter von unserem Haus entfernt war. Mehr beeindruckte mich der Name der Dortmunder. Ich glaube, ich assoziierte Borussia damals mit Russen. Als ich dann etwa zur gleichen Zeit anfing, in meiner Freizeit, also jeden Nachmittag und samstags den ganzen Tag (sonntags durften wir uns nie schmutzig machen), Fußball zu spielen, war das Fernsehen noch nicht so wichtig.

Im Prinzip gab es für uns „Ullige“, was Fußball betrifft, ja ohnehin nur die samstägliche Sportschau mit Ernst Huberty, Dieter Adler oder Adolf Furler (das ZDF-Sportstudio war zu spät), vielleicht mal ein Länderspiel, das übertragen wurde. Probleme gab es bei uns zu Hause, als die Serie Daktari aufkam, die im ZDF zur gleichen Zeit wie die Sportschau im Ersten ausgestrahlt wurde. Meine Brüder und ich wollten Sportschau sehen, aber meine kleine Schwester den schielenden Löwen Clarence und den Affen Cheetah. Es gab regelmäßig riesigen Krach und viel Geschrei. Unfairer Weise entschieden meine Eltern, dass eine Woche Sportschau, die andere Daktari geguckt würde. Von wegen Gleichberechtigung! Meine Schwester hatte genauso viel Gewicht wie ihre drei Brüder zusammen. Am Ende bekamen wir einen kleinen Fernseher, auf dem wir die Sportschau gucken durften, wenn auf dem großen Daktari angesagt war. Leider war der Empfang immer so schlecht, dass es absolut keinen Spaß machte.

Das erste Mal ins Wedau-Stadion kam ich in der Saison 1965/66, als mich der Vater eines Klassenkameraden mitnahm. Wir standen in der Kurve; ich konnte kaum etwas sehen. Ich erinnere mich nur, dass ich Peter Kunter, den Torwart von Eintracht Frankfurt, erkennen konnte. Das Spiel endete 0:0, und ich war vorerst nicht interessiert an einem weiteren Stadion-Besuch.

Das erste Länderspiel im Fernsehen, an das ich mich erinnern kann, war ein Freundschaftsspiel gegen Italien (1:1) im März 1965. Das Datum hätte ich nicht mehr gewusst; ich habe es im kicker-Almanach nachgeschlagen. Wahrscheinlich habe ich das Spiel noch deshalb in Erinnerung, weil der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Torhüter ein Meidericher war: Manfred Manglitz. Leider wurde ich erst MSV-Fan, als er schon nicht mehr in Duisburg spielte, und habe daher seine regelmäßigen Eskapaden im Stadion verpasst. Lebhaft in Erinnerung habe ich noch, wie ich an einem Samstag Nachmittag schmutzig und verschwitzt vom Bolzplatz auf der Stolzestraße nach Hause kam und ein neuer Fernseher im Wohnzimmer stand, schwarz-weiß natürlich; Farbe gab es erst 1972 bei der Olympiade in München. Es lief die Sportschau mit den Aufstiegsspielen zur Bundesliga. Mönchengladbach, auch für mich so ein komischer Name damals, servierte gerade Wormatia Worms mit 5:1 ab. Der Gladbacher Spieler Netzer blieb mir wegen seines ungewöhnlichen Namens gleich im Gedächtnis. Das erste Länderspiel, bei dem ich so richtig mit Leib und Seele am Fernseher hing, war das entscheidende Qualifikationsspiel zur WM 1966 in Stockholm gegen Schweden, das die deutsche Mannschaft – auch Dank eines Treffers des Meiderichers Eia Krämer – mit 2:1 gewann. Die WM in England habe ich dann als Neunjähriger intensiv miterlebt. Ich hatte ein kleines Heftchen, das vom World Cup Willy, dem WM-Maskottchen, geschmückt war und in dem ich alle Ergebnisse fein säuberlich notierte. Ich weiß noch wie heute, dass die Urus im Eröffnungsspiel gegen England, das ich trotz des 0:0 äußert aufregend fand, mit Schuhen spielten, die eine weiße oder zumindest helle Sohle hatten. Dann das 5:0 unserer Mannschaft gegen die Schweiz und Emmas Traumtor aus unmöglich spitzem Winkel gegen Spanien („mit der linken Klebe“), die uruguayische Ohrfeige gegen Uwe Seeler im Viertelfinale, last not least das Endspiel. Ich weiß noch, dass ich am Anfang allein vor dem Fernseher hockte und meinen Vater über das 1:0 von Haller informierte. Da ich damals gerne Torhüter spielte, sind mir besonders einige von ihnen im Gedächtnis geblieben: Hans Tilkowski natürlich, der legendäre Lew Jaschin oder auch Gordon Banks. Ich habe immer versucht, sie zu imitieren, mich in die Ecken zu „fletschen“, wie wir es nannten, um die Fingerspitzen noch an den Ball zu kriegen. Bei der WM in Mexiko, als ich schon nicht mehr Torwart spielte, waren meine Torwarthelden Kawasaschwili aus der Sowjetunion und Mazurkiewicz aus Uruguay. Mein Lieblingsspieler bei der WM in England war Siggi Held, in Mexiko, weil es eher meiner Position entsprach, dann Karl-Heinz Schnellinger, von dem ich auch einen kicker-Starschnitt über meinem Bett hängen hatte.

Ach ja, kicker-Leser wurde ich durch einen Ferienaufenthalt auf einem Bauernhof im Bayerischen Wald, als ich zehn war. Der Sohn des Bauern, der aufs Gymnasium ging, zog sich montags immer auf sein Zimmer zurück, um den kicker zu „studieren“. Die Zeitschrift erschien damals kurz vor dem Zusammenschluss mit dem Sportmagazin noch in einem riesigen DIN A 3-Format. Obwohl sie keineswegs billig war für einen Schuljungen, kaufte ich das kicker-sportmagazin, wie die Zeitschrift nach dem Zusammenschluss hieß, jede Woche sowohl am Montag als auch am Donnerstag. Ich hatte für die ersten Jahre sogar Sammelmappen mit den Heften über die Olympiade 1968 und dann auch die WM 1970 in Mexiko. Weil der Platz in unserem Keller eng wurde, haben meine Eltern – ihre wohl größte Sünde gegenüber ihrem Sohn – diese aber irgendwann zusammen mit meinen Bundesliga-Alben weg gegeben. Ich würde einiges dafür geben, besonders die Alben noch zu besitzen.

Meine zwei nicht wesentlich jüngeren Brüder und ich bolzten bei Regen zum Leidwesen meiner Mutter sogar in unserer kleinen Wohnung mit einem Tennisball. Es muss im ganzen Haus zu hören gewesen sein. Manchmal musste sogar meine kleine Schwester mitspielen. Sie trat meinen Brüdern in die Schienbeine und ich schoss die Tore. Unser Wohnungsflur, in dem wir spielten, war schmal. Die Schlafzimmertür auf der einen Seite war ein Tor, die kleine Lücke zwischen den Beinen des Schuhschränkchens unter dem großen Spiegel das andere Tor. Unerklärlicher Weise ging der Spiegel aber nie kaputt, anders als eines der Kirchenfenster der evangelischen Kirche Auf dem Damm, auf deren Kirchplatz ein, zwei Klassenkameraden und ich stets den Nachhause-Weg vom MPG durch ein Spielchen verlängerten. Zu Hause haben wir oft stundenlang Tipp-Kick gespielt. Wir spielten die ganzen Europa-Pokale, den DFB-Pokal, die Bundesliga und sogar den Liga-Pokal durch. Damals waren wir Meister im Tipp-Kick und konnten manchmal sogar Ecken direkt verwandeln. Jeder Ball wurde angeschnibbelt, um eine größere Wahrscheinlichkeit zu haben, dass er auf der eigenen Farbe blieb. Die Spiele mit meinen Brüdern waren so torreich, dass die Resultate eher wie Handballergebnisse erschienen, was wir natürlich nicht mochten, weil es für Fußball eben nicht realistisch wirkte. Deshalb verkürzten wir die eigentliche Spielzeit von 2×10 zunächst auf 2×5 und dann sogar auf 2×3 Minuten, und dennoch gab es oft genug ein 6:5 oder 5:5. Ich als Ältester hatte den MSV als erste Mannschaft, und so kam es, dass die Zebras die Tabelle anführten – ohne einen einzigen Punktverlust auswärts. Zu Hause verlor ich gegen den HSV und musste mich ausgerechnet gegen RWO (meinen kleinen Bruder) mit einem 0:0 zufrieden geben. Ich habe die Kladde mit den Spielergebnissen heute noch. Leider gab es immer viel Nachholspiele, weil mein kleiner Bruder nicht verlieren konnten und daher manchmal die Spieler oder gar das gesamte Spielfeld ins Zimmer warf und nicht weiter machte, angeblich weil der Schiri – das war dann immer der Dritte im Bunde, und wir brauchten immer einen Schiri, wenn er mitspielte – angeblich zu Unrecht auf Tor gegen ihn erkannt hatte. Als wir klein waren, hatten wir alle eine Lieblingsmannschaft; mein kleiner Bruder war für Köln und weinte immer bitterlich, wenn der FC verlor. Wir hatten auch Lieblingstiere und Lieblingsfarben, jeder seine eigenen.

Nicht zu vergessen ist auch das Fußballbilder-Sammeln und vor allem -Tauschen. Meine Freunde in der Nachbarschaft und ich gaben die letzten Groschen für Fußballbilder-Tütchen aus. Am Kiosk beim dicken Koellken an der Meidericher Post konnte man dann für einen höheren Preis von 10 Pfennig sogar einzelne Bilder aus einem Packen aussuchen. Bei der WM 1966 in England gab Aral ein Fußball-Album heraus. Beim Tanken bekam man immer ein postkartengroßes Bild eines Spielers. Obwohl wir damals noch kein Auto hatten, habe ich trotzdem fast das ganze Album voll bekommen. Ich besitze es noch heute. Bei der WM in Mexiko waren dann Shell-Münzen mit den Portraits der deutschen Spieler der große Hit. Wir spielten immer „Latzen“ mit ihnen (die Münzen möglichst nahe an eine Mauer werfen; wer mit seiner am Nächsten an die Mauer kommt, gewinnt alle anderen gelatzten Münzen). Nach meiner Kommunion war ich Messdiener in der Mittelmeidericher St. Michael-Kirche. Wir hatten eine Messdiener-Mannschaft, in der sogar der Kaplan mitspielte. Ein Jahr lang war ich bei den Pfadfindern, genauer gesagt Wölflingen, bei Maria Königin an der Westender Straße, also unweit des MSV-Geländes. Mein Pfadfindername war Scharfzahn, der Seehund, mein nächstjüngerer Bruder war Rama, der Büffel, und mein kleiner Bruder Mogli, der Frosch. Warum Mogli ein Frosch war, weiß ich beim besten Willen nicht. Das Einzige, was mich dabei wirklich reizte, war, dass wir meist Fußball auf dem Rasen um die Kirche spielten.

Im Verein spielte ich eigentlich nie. Das heißt, mit sechzehn habe ich eine Weile beim MSV in der B-Jugend mittrainiert und zwei Freundschaftsspiele in der B-2 absolviert. Das erste lief ganz gut für mich. Ich wurde in Mündelheim als Außenverteidiger eingesetzt. Der Platz war in einer komischen Grube und hatte den gefährlichsten Schotter, den man sich vorstellen konnte. Ich schlug mir das Knie auf und hatte für eine Woche eine schrecklich eiternde Wunde. Die Narbe ist noch heute sichtbar. Das zweite Spiel war in Rheinhausen und ich stellte mich absolut dämlich an und war so frustriert, dass ich das Vereinsspiel sein ließ. Stattdessen wendete ich mich dem Tischtennis zu. Die Stadt hatte es arrangiert, dass Jugendliche, ohne Vereinsmitglied zu sein, in örtlichen Sportvereinen mittrainieren konnten, um einen Eindruck von dem jeweiligen Sport zu bekommen. Neben der Vereinsanlage des MSV war der Meidericher TTC 47 (in dem Gebäude ist heute der Zebra-Shop und war früher auch die MSV-Geschäftsstelle), der damals fünf Jahre hintereinander Deutscher Mannschaftsvizemeister wurde, meist hinter Borussia Düsseldorf, wo der mehrfache Deutsche Einzel-Meister und sogar Vizeweltmeister Eberhard Schöler spielte. Auch der MTTC brachte einige hervorragende Spieler hervor, u. a. Hanno Deutz und Peter Engel, der 1975 sogar das Ranglistenturnier des deutschen Tischtennisbundes gewann. Zusammen wurden beide 1972 mit dem MTTC 47 deutscher Mannschaftspokalsieger. Hans-Jürgen Oploh war zwei Klassen höher als ich am MPG und war bereits als 16-Jähriger Stammspieler im Bundesliga-Team der Meidericher. Zum Teil wurden die wichtigen Bundesligaspiele und Europapokalbegegnungen in unserer Turnhalle ausgetragen, wofür wir oftmals Freikarten bekamen und dann Tischtennis auf höchstem Niveau sehen konnten. Ich selbst war zwar gut genug als Sparrings-Partner für die anderen Jugend-Spieler. Da ich wie Eberhard Schöler ein ausgesprochener Defensiv-Spieler war und mehrere Meter hinter der Platte stehend die Schmetterbälle meiner Gegner zurück brachte, machte es den Top Spin-Spezialisten Spaß, ihre Fähigkeiten bei mir auszutoben. Letztlich zog ich bei diesen Vergleichen trotz großer Hartnäckigkeit aber stets den Kürzeren und brachte es daher nicht sehr weit.

Mein Vater war kein großer Fußball-Kenner und ging nicht auf den Fußballplatz. Aber die Länderspiele hat er immer mit uns angeguckt. Die Nacht-Spiele bei der WM in Mexiko, die wir zusammen mit einem Gast von den Philippinen, den ein Freund meines Vaters mitgebracht hatte, ansahen, war dabei wohl das beeindruckendste Erlebnis. Erst das England-Spiel mit der seitens der Engländer verfrühten Auswechslung von Bobby Charlton und dem Hinterkopf-Tor von Uwe Seeler. Dann noch eine Steigerung der Dramatik beim Halbfinalspiel gegen Italien, dem Jahrhundert-Spiel. Erst schießt Boninsenga, den alle Deutschen im Jahr darauf wegen seiner Schauspielerei beim legendären Dosenwurf während des 7:1 von Mönchengladbach gegen Inter und auch wegen seines Fouls gegen Lugi Müller kurz vor Ende des Wiederholungsspieles, bei dem er dem Gladbacher das Schien- und Wadenbein brach, intensivst zu lieben begannen, das frühe 1:0 für die Azzurri, die daraufhin für eine gute Stunde Beton anmischen, und dann erzielt ausgerechnet der italienische Legionär Schnellinger in der Nachspielzeit das 1:1. In der Verlängerung überschlugen sich dann die Ereignisse. Was haben wir über den Schiri geflucht! Auch der Filipino, der wohl vorher noch nie ein Fußball-Spiel gesehen hatte, fieberte mit uns bis tief in die Nacht mit und war am Ende des Spiels genauso enttäuscht wie wir.

Aus der Saison 1970/71 kann ich eine besondere Anekdote erzählen: Noch bevor ich anfing, regelmäßig zum MSV zu gehen, war ich – wie erwähnt – begeisterter kicker-Leser. In der Tat war zu dem Zeitpunkt mein Lieblingsverein noch Borussia Dortmund, geschürt durch die Fernseherlebnisse um deren Gewinn des Europapokals 1966. In dieser Bundesliga-Skandalsaison (Canellas, Torbruch in Mönchengladbach) veranstaltete der kicker zusammen mit der Schlegel-Brauerei Bochum ein Preisausschreiben: „Wählen Sie den mannschaftsdienlichsten Spieler der Bundesliga“. Fünfzig Einsender konnten den Besuch eines Bundesliga-Spiels in Begleitung von Fritz Walter gewinnen. Ich schickte meinen Vorschlag – Jürgen Grabowski – ein und gewann. So konnte ich einen Samstag nach Bochum fahren, von wo ein Bus die Gewinner und Fritz Walter in die Glückauf-Kampfbahn nach Schalke brachte. Wir sahen das Spiel Schalke–Offenbach. Offenbach gewann überraschend 2:1. Wie sich später rausstellte, war das Spiel verschoben worden. Danach ging es zurück in die Bahnhofs-Gaststätte nach Bochum, wo uns Fritz Walter Schwänke aus seinem Leben erzählte und an jeden ein handsigniertes Buch ausgab. Da es ja auch eine Veranstaltung der Brauerei war, gingen die Kellner mit Tabletts voller gefüllter Pils-Gläser herum. Ich war damals vierzehn und der einzige Minderjährige unter den Anwesenden. Aber außer einem Schmunzeln – wohl auch von Fritz Walter – gab es keine Reaktion darauf, dass ich auch zugriff und mir das kühle Blonde gönnte.

Am letzten Spieltag der Saison dann beim Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München waren die Bayern im brechend vollen Wedau-Stadion zu Gast. Da waren weit mehr als 40.000 Zuschauer drin. Manche hingen in den Bäumen, um etwas sehen zu können. Dies war mein zweites MSV-Spiel, das ich im Stadion sah. Ich hatte ein Schülerticket zum Preis von 1 DM beim Kassierer in der Vereinsgaststätte Worm ergattert. Der MSV gewann 2:0 (zweimal Budde in der zweiten Halbzeit). Obwohl es für den MSV um nichts mehr ging, wurde der Platz damals zweimal von den Fans gestürmt, ohne dass die Bayern-Spieler sich in die Hose machten wie – angeblich – letztens die Herthaner. Borussia Mönchengladbach wurde Meister – verdientermaßen. Dieses Spiel begeisterte mich so, dass ich in der nächsten Saison alle Heimspiele des MSV sah und nur fünf Auswärtsspiele verpasste, darunter das im relativ nahe gelegenen Schalke. Zu den weiten Auswärtsspielen in Bremen, Frankfurt, Stuttgart und Braunschweig schwänzte ich damals sogar mit Wissen meiner Eltern gleich viermal in einem Schuljahr den samstäglichen Unterricht. Ich hatte mir das Würmli-Ticket bei der Bahn (Kinder aus kinderreichen Familien fuhren damals zum halben Preis), die Eintrittskarte und die obligatorische Bratwurst dadurch erspart, dass ich meiner Mutter im Haushalt half, wobei ich mir fürs Abwaschen zehn und fürs Einkaufen zwanzig Pfennig anschreiben konnte. Meine Mutter brauchte in dieser Zeit nie lange um Hilfe zu betteln. Beim ersten Heimspiel des MSV in der Saison 1971/72 gegen den BVB hoffte ich auf ein Unentschieden, weil mein Herz noch etwas an Dortmund hing. Beim Rückspiel in der Kampfbahn Rote Erde war ich dann ganz Meidericher und freute mich über den für lange Zeit einzigen Auswärtssieg der Zebras in Dortmund.

Obwohl ich mit Leib und Seele MSV-Fan war, besaß ich damals aber weder Schal noch Trikot und eigentlich überhaupt keine Fan-Utensilien. Von den bekloppten und betrunkenen Fans hielt ich mich, soweit es ging, fern. In Dortmund mussten wir uns gegenüber den berüchtigten Borussen-Fans auf dem Weg zum Stadion als BVB’ler verstellen, weil wir Angst hatten, verhauen zu werden. Gegen Schalke musste mein kleiner Bruder sogar einmal im eigenen Stadion die Fahne einrollen, weil die Schalker Hooligans über die Zäune in den Duisburger Fanbereich kamen, als deren Niederlage fest stand. Im Wedau-Stadion hatte ich meinen Stammplatz auf halber Höhe auf der Geraden neben dem Marathontor auf der Nordkurvenseite, der Fan-Kurve. Es kamen immer die gleichen Leute; man kannte sich. Meist kam man eine Stunde vor Spielbeginn. Wenn Bayern, Schalke oder Gladbach gastierten, auch mal bis zu zwei Stunden vor Anpfiff. Die Jugendkarten (2 Mark) gab es nicht im Vorverkauf und man musste oft früh genug an der Stadionkasse sein, um sie rechtzeitig zu bekommen. In der Saison 1971/72 gab es bei jedem Heimspiel ein Preisausschreiben in der Stadionzeitung, bei dem Haupttribünenkarten zu gewinnen waren. Ich habe in der Saison gleich dreimal gewonnen und dann auch meinen kleinen Bruder mit auf die Tribüne nehmen können, die bei den meisten Spielen nicht komplett gefüllt war. Ich habe ihn auch mit zu den West-Auswärtsspielen genommen, z. B. nach Oberhausen oder Bochum, wo das Spiel fast wegen Dunkelheit abgebrochen werden musste, was wir erhofften, nachdem Klaus „Caesar“ Wunder vom Platz gestellt worden war. Auf der Zugrückreise von Mönchengladbach (0:3) blieb mein Bruder nicht immer an meiner Seite. Als er zu mir zurück kam, berichtete er, dass die Fans Sitze aus dem Fenster würfen. Danach bekamen MSV-Fans für längere Zeit keine vergünstigten Bahnkarten mehr.

Ich hatte eine Cousine in meinem Alter, die in Hattingen wohnte und sich immer freute, wenn ihre drei Cousins zu Besuch kamen. Dann hatte sie endlich geeignete Partner zum Bolzen. Sie hatte nur einen Fehler; sie war Bayern-Fan. Einmal luden wir sie nach Duisburg ein, als Bayern bei uns gastierte. Es war eines der ersten großen Bundesligaspiele des damals erst 17-jährigen Ronnie Worm. Die Zebras wuchsen mal wieder, wie so oft gegen Bayern, über sich hinaus und gewannen 3:0. Alle Treffer fielen in den letzten zwanzig Minuten. Worm erzielte zwei Tore; beim zweiten nahm er den Ball am Strafraum mit der Hacke, hob ihn über einen gewissen Weltklassespieler namens Beckenbauer hinweg und schoss volley gegen den machtlosen Weltklassetorwart Maier zum 3:0-Endstand ein. Mein Lieblingsspieler beim MSV und mein großes Vorbild war indes Bernard Dietz, zumal ich selbst meist Außenverteidiger spielte. Das größte Spiel war natürlich der 6:3-Sieg unter Flutlicht gegen die Bayern, bei dem Dietz vier Tore – sein Gegenspieler ein gewisser Rummenigge – schoss (kicker-Schlagzeile: „MSV Dietzburg gegen Bayern München 6:3“). Auf Ennatz war stets Verlass. Nur einmal habe ich miterlebt, wie er trotz aller Anstrengungen regelrecht an die Wand gespielt wurde. In der Saison 1977/78 kam der hoch gelobte englische Star Kevin Keegan zum HSV und musste sich im ersten Saisonspiel beim MSV von Ennatz den Schneid abkaufen lassen. Beim Rückspiel im Januar – ich war zu der Zeit beim Bund in Schleswig-Holstein und konnte so das Spiel im Volkspark-Stadion besuchen – war es dann aber genau umgekehrt und Keegan spielte Bernhard Dietz regelrecht schwindelig. Irgendwie beeindruckt war ich auch von Eisenfuß Detlef Pirsig, der immer mit herunter gekrempelten Stutzen spielte, aber beinhart zur Sache ging. Ich habe die herunter gekrempelten Stutzen und sein Reingrätschen dann beim Bolzen kopiert; anders als Detlef war ich aber immer fair. Meist foulte Pirsig nämlich seinen Gegenspieler, den Mittelstürmer, in einem der ersten Duelle des Spiels so hart, dass dieser nachher vor Angst nichts mehr auf die Reihe brachte. Er kassierte fast in jedem Spiel eine gelbe Karte. Da es aber noch keine Sperre nach fünf Gelben gab, konnte er sein Unwesen von Spiel zu Spiel weiter treiben. In einem Spiel – so erinnere ich mich – foulte er gleich zwei durchgebrochene Spieler auf einmal, einen mit den Füßen, den anderen mit den Händen, sozusagen Doppel-Notbremse. Rote Karte für Notbremsen sollten jedoch erst viele, viele Jahre später eingeführt werden. Überhaupt trieb es Detlef nie so weit, dass er Rot bekam. Einmal erwischte es ihn dann aber doch – in Mönchengladbach. Er hatte schon Gelb gesehen und flog dann vom Platz, als er den Ball mit der Hand spielte. Was für eine Ironie! Da holzt jemand jahrelang die gesamte Bundesliga weg und erhält seinen ersten Platzverweis für ein Handspiel! Er bekam auch nur zwei Spiele Sperre, weil er vorher immer so fair gewesen war, sprich: noch nie vom Platz gestellt worden war.

Wenn ich daran denke, kann ich ohne Umschweife sagen, dass Alles um den Fußball für mich zu den schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen gehört. Es gibt so viel, über das man noch heute Schmunzeln kann. Inzwischen lebe ich schon seit langem in den USA, aber wenn ich zu Hause in Duisburg anrufe, ist eines der Themen immer noch der MSV. In meine Zeit am MPG fiel auch das Pokalendspiel in Hannover gegen Frankfurt 1975 (0:1, Tor im Platzregen durch Körbel). Ich war natürlich da; im Zug habe ich Mathe für die Schule gepaukt. Das Finale 1998 gegen Bayern in Berlin habe ich verpasst. Mein Schwager schickte mir ein Video, da es damals noch keine Möglichkeit gab, die deutschen Fußballpiele in den USA zu sehen. Den entscheidenden Nicht-Platzverweis für Tarnat halte ich immer noch für eine der übelsten Schiedsrichter-Fehlentscheidungen. Als die Zebras 2011 erneut das Finale erreichten, kam ich von Neuengland eingeflogen. Die erste Viertelstunde des Spiels war ja auch sportlich noch ganz okay, die Atmosphäre in der Stadt insgesamt phänomenal. Ich teilte die Tickets, die ich bekommen hatte, u. a. mit meinem „kleinen“ Bruder und mit meiner Cousine und meinem Cousin aus Hattingen, obwohl sie Schalke-Fans waren, für meine Cousine als ehemaliger Bayern-Fan ja schon ein kleiner Fortschritt. Radio Duisburg hatte sogar ein Live-Interview mit mir aus dem Fan-Quartier, weil ich von so weit her gekommen war. Danach sprach mich ein Fan an, der mir sagte, er komme von noch weiter her, nämlich aus Australien. Er war in Beeck aufgewachsen und hatte im gleichen Jahr wie ich Abi gemacht, allerdings an einem anderen Gymnasium, ich glaube Mannesmann. Wahrscheinlich haben wir in der Schulmannschaft gegeneinander gespielt. Als ich ihn beim Abschied fragte, wie er heiße, sagte er: Manfred. – Toller Name! So heiße ich auch.

22. März 2011 / Kees Jaratz

Zum Glück war Wacker nicht der Spielverein – Teil 2

Hans F.  (* 1939)

Einmal sind wir nach Schalke gefahren, und dann kommen wir da an … wir hatten ja keine Karten, du musstest ja immer da die Karten kaufen. Ja, und dann hieß es, ihr kommt nicht rein, das Stadion ist voll. Da standen wir dann da an so einem Nebentor. Das hatten die zugemacht, und die Fans, die haben geglaubt, die wollten uns nur nicht reinlassen. Da standen zwei Ordner, die haben gesagt: „Das geht nicht“, …. es hatte vorher geregnet … „dahinter ist ´ne Riesenpfütze“. Und die Fans haben das nicht geglaubt. Ich schätze mal, das waren so hundert, hundertfünfzig Leute. Die haben sich dann alle gesagt: „Wir gehen hier rein“. Dann haben die mit Gewalt das Tor aufgedrückt. Da war dann wirklich eine Pfütze … bestimmt dreißig Meter im Durchmesser …Wahnsinn … und da kannst du dir vorstellen, die ersten …da lagen bestimmt zwanzig, dreißig Mann in der Matsche da. Das sah aus. Aber das hat die nicht gestört. Da sind die durch und rein. Hauptsache, die waren im Stadion.

Ja, und dann hier noch Oberhausen … nach Rot-Weiß Oberhausen … da sind wir ja immer zu Fuß gelaufen … am Kanal entlang. Aber Oberhausen war nicht gut. Da musste man immer aufpassen  Das war immer mit Schlägerei verbunden. Das war damals auch schon so mit der Rivalität. In Oberhausen war es schlimm. In Aachen bin ich nicht gewesen. Das war mir zu weit. Aber in Aachen war es auch immer sehr schlimm mit den Schlägereien. Das waren ja immer die Kartoffelkäfer … mit den gelben Trikots. Auch hier nach Bottrop sind wir gefahren und nach Essen …selbstverständlich auch ins Duisburger Stadion …der DSV war ja damals auch in der Oberliga. Das war ja nicht nur der MSV. Da war ja auch noch Hamborn 07, Duisburger Spielverein … das waren ja schon alleine drei Vereine hier in Duisburg.

Die Atmosphäre damals im Stadion an der Westender Straße … das war schön. Das war kleiner als heute. Gut, da waren ja auch fünfzehn-, zwanzigtausend Zuschauer. Aber … ich weiß nicht … das war alles … wie wollen wir mal sagen … wie so eine Familie. Das war so richtig angenehm. Da freute man sich so richtig drauf. Nachher als das mit der Bundesliga losging … die Spiele gegen Frankfurt und Hamburg und die ich da noch gesehen habe … das war ja zu voll alles. Das Stadion war zu voll. Obwohl … wenn hier auch Dortmund kam, damals noch in der Oberliga zur Westender Straße oder auch Rot-Weiß Essen, das Stadion war auch voll.

Schon die Straßen in Meiderich zum Stadion, die waren dann proppevoll. Da fuhr ja bloß so eine kleine Bimmelbahn zum Stadion. Da gingen ja vielleicht dreißig, vierzig Mann rein. Das waren Massen, die dahinströmten. Da war gegenüber von dem MSV-Platz noch alles frei. Da parkten die ganzen Autos. Hinten, Richtung Ratingsee war auch noch ein Platz für die Autos. Es war schon sehr beengt. Da ging nichts mehr, wenn die Zuschauer da so im Trupp kamen. Die Straßen waren ja nicht so breit wie heute. Das war alles eng. Das war ja was … 15.000 zum Meidericher Spielverein.

Wenn ich mich jetzt an was besonderes erinnern soll, da denke ich an Helmut Rahn. Da war der noch bei Rot-Weiß Essen. Und die haben dann in Meiderich gespielt und Helmut Rahn hat einen Strafstoß geschossen. Das war ein Wahnsinn. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob das der Faust war oder der Pajonk Der hatte die Hand zwischen Latte und Ball und hat sich vor Schmerzen die Hand fest gehalten. Der Rahn hatte ja einen Gewaltschuss.

Bei den Meiderichern fällt mir Burger Hetzel ein. Den habe ich zwar nicht mehr viel gesehen, aber das war ein guter Spieler. Da haben wir uns gewundert, dass der nicht in die Nationalmannschaft kam. Aber der Herberger mochte den nicht. Warum weiß ich nicht, ich nehme mal an, der Hetzel hat sich nichts gefallen lassen. Dann haben die so ein Auswahlspiel gemacht … Nationalmannschaft gegen den MSV. Da hat der Burger Hetzel der Auswahlmannschaft drei Tore reingemacht. Und seitdem war´s ganz aus. Nee, der Herberger mochte den nicht. Der hielt sich immer an Ottmar und Fritz Walter fest. Da hatte der Hetzel keine Chance. Gut, der Fritz und der Ottmar, die waren einiges jünger. Da konnte man sagen, dass die Zeit von Hetzel schon vorbei war. Die haben ja damals zu der Zeit, als ich noch auf den Platz ging, mit vier-, fünfunddreißig nicht mehr gespielt. Wenn die mal bis achtundzwanzig, dreißig gespielt haben, war das lang.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

Teil 1 findet sich hier

21. März 2011 / Kees Jaratz

Reinlichkeitsverhalten Anfang der 70er Jahre

Hatte (* 1962)

Damals war ich als Balljunge bei einem Spiel im Stadion. Da habe ich beim MSV Fußball gespielt … D-Jugend? Ich weiß es nicht mehr. Welches Spiel das war, das weiß ich auch nicht mehr. Auf jeden Fall war dann Halbzeit, und mir kam Rudi Seliger entgegen und ging zur Pause. Aber dem hing ein Popel aus der Nase. Da war ich ganz schockiert, als ich das sah. Der war ja für mich ein Gott, und ich war ein kleiner Junge, und dann das. Dann war da wiederum Michael Bella, der ein paar Jahre älter ist, und der hat während des Spiels aus seiner hinteren Tasche aus der Sporthose ein Taschentuch geholt und geschneuzt. Das sind die Unterschiede. Heute schneuzen sie alle auf den Rasen. Michael Bella, ein wahrer Gentleman-Schneuzer, der hat ein Taschentuch dabei gehabt. So war das in seiner Zeit. 70er Jahre, das muss Anfang der 70er gewesen sein. Ich habe gar keine Erinnerung mehr, welches Spiel das war, auf jeden Fall eine ganz prägende Erinnerung.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

21. März 2011 / Kees Jaratz

Ein Tag mit 28 Stunden

Saison 1997/98

Horst H.  (* 1941)

Morgens um vier bin ich erstmal zur Bäckerei in Meiderich und habe Brötchen geholt. Die Bäckerei hatte natürlich noch nicht auf. Da bin ich hintenrum gegangen zur Backstube. Dann weiß ich gar nicht, wie wir zum Bahnhof gekommen sind. Wir hatten die Brötchen dabei, Gehacktes, um die Brötchen zu beschmieren, und da haben wir uns getroffen – mein Sohn, seine Arbeitskollegen und von mir noch ein paar Freunde. Ja, und dann haben wir uns in den Zug gesetzt und sind nach Berlin. Auf der Fahrt gab es immer wieder Unterbrechungen, weil irgendwelche Leute meinten, sie müssten Notbremsen ziehen. Der Zug muss dann, so haben wir da erfahren, erstmal von vorn bis hinten kontrolliert werden, wo die Notbremse gezogen wurde und ob auch alles in Ordnung ist. Dann erst kann der Zug wieder weiterfahren. Das ist natürlich unangenehm. Aber … wir waren zwar davon betroffen, geschadet hat es uns nicht.

Da sind wir dann angekommen in Berlin und sind erstmal quer durch die Stadt mit der U-Bahn gefahren. Am Ku´damm sind wir so ein bisschen rauf- und runtergelaufen. Und dann kamen wir zu so einer Kneipe und da waren nur Bayern-Leute drin. Wir aber dabei, und wir haben uns nett unterhalten … vernünftig. Als wir uns nachher getrennt haben, hat sich jeder alles Gute gewünscht.

Dann sind wir zum Stadion gefahren. Es war ja das erste Mal, dass ich das Berliner Stadion gesehen habe …  diesen großen Bau. Das war schon ein Erlebnis. Als wir ins Stadion rein gingen, standen da die Schiedsrichter-Experten, die der DFB so hatte. Das Vorspiel war schon dran. Da spielten die Frauen… der FCR Duisburg gegen Frankfurt, und als wir kamen, stand es schon vier null für Duisburg. Dann haben wir uns das Spiel vom MSV gegen die Bayern angesehen. Haben wir natürlich leider verloren … ungerechtfertigterweise … weil ja der DFB den MSV nicht als Deutschen Pokalsieger haben wollte … sage ich mal … böswillig. Danach sind wir dann wieder zurück zur U-Bahn, von da aus zum Bahnhof und vom Bahnhof  aus wieder nach Hause. Auf der Rückfahrt waren alle kaputt. Der Zug hat auch nicht immer angehalten wie auf der Hinfahrt. Am anderen Morgen um acht Uhr waren wieder zu Hause. Das war anstrengend, aber das war ein Erlebnis.

Das war ein Gegensatz zu 1975 … ich hatte ja schon mal ein Pokalendspiel in Hannover gesehen. Das war das gegen Frankfurt. Das haben wir dann ja auch unglücklich verloren … in der Matsche. Da sind wir im PKW mit vier Mann hingefahren Die Erinnerung daran ist viel weiter weg und ist auch nicht so bedeutend. Da sind wir mit dem Auto hin und nachts wieder zurück. Das war also nichts Besonderes.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

19. März 2011 / Kees Jaratz

Wir verlieren jedes …

Saison 1974/75

Berti (* 1960)

In den 70er Jahren war das, ich denke Anfang 75, das war ein Flutlichtspiel, das weiß ich auch noch ganz genau. Borussia Dortmund war Zweitligist, wir waren eigentlich der Favorit vom Papier her. Die Dortmunder haben dann eins null geführt, und kurz vor Schluss, fünf oder sechs Minuten vor Schluss haben wir den Ausgleich geschossen. Da war eigentlich nicht mehr mit zu rechnen. Da war ein Riesenjubel. Ich denke mal, auch Bernard Dietz war das, und dann haben wir in der Verlängerung das zwei eins geschossen, oder vielleicht hat auch Dietz das zwei eins geschossen. Das war jedenfalls ein sagenhaftes Erlebnis. Daraufhin waren wir im Pokalfinale in Hannover. Was wir natürlich verloren haben. Wir verlieren ja jedes, auch das nächste wahrscheinlich.

Am 30. April 1975 fand im Wedaustadion das Halbfinale im DFB-Pokal zwischen dem MSV Duisburg und Borussia Dortmund statt. Nach der Führung von Borussia Dortmund durch Hans-Gerd Schildt in der 58. Minute schoss Walter Krause in der 88. Minute das Tor zum Ausgleich. In der Verlängerung traf Bernard Dietz in der 99. Minute zum 2:1-Siegtreffer. Bei weltfussball.de findet ihr die kompletten Daten.



17. März 2011 / Kees Jaratz

Zum Glück ist Wacker nicht der Spielverein – Teil 1

Hans F. (* 1939)

Es muss 1954 gewesen sein, als ich das erste Mal beim MSV war. Da spielten die noch auf der Westender Straße. Da war noch das alte Stadion. Der MSV spielte in der Oberliga. Das war ja die höchste Liga, und da habe ich erstmal richtig Fußball gesehen … wie Fußball gespielt wurde. Da kamen ja auch die ganzen Vereine wie Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne und alles und vor allen Dingen waren zu der Zeit schon diese vielen Zuschauer bei den Spielen. Ich glaube, in das Stadion gingen ja 20.000 Zuschauer rein. Das war schon enorm für mich. So was hatte ich ja noch nie gesehen. Ich kam ja … wie sagt man …sagen wir mal, von so einem Klüngelsverein. Da waren ja höchstens an die fünfzig, sechzig Zuschauer immer. Das war noch in Schleswig-Holstein, so ein Dorfverein.

Nach Duisburg waren wir ja gekommen, weil mein Bruder hier auf der Zeche Arbeit bekommen hatte. Die vom Bergbau sind damals durch die Gegend gefahren und haben Reklame gemacht. Die waren damals überall, in den Städten und so und auch in Schleswig-Holstein, und aufgrund dessen hat mein Bruder sich gemeldet. Und weil mein Bruder jetzt hier unten war, konnten wir auch umsiedeln. Wir waren ja sowieso noch drei Kinder, die noch Arbeit suchten und aufgrund dessen sind wir dann hier runter gezogen – in den Kohlenpott.

Ich komme ja eigentlich aus Schlesien und nach Schleswig-Holstein sind wir nach dem Krieg gekommen. Wir mussten ja unsere Heimat verlassen. Da kam an einem Tag die SS, und da hieß es, sofort hier weg, nur das Nötigste mitnehmen, in sechs Wochen seid ihr wieder zu Hause. Aber drei Monate später waren wir in Schleswig-Holstein. Da sind wir dann für neun Jahre gelandet. Als kleines Kind hatte ich in der Nähe von der Schneekoppe gelebt. Nachdem wir da weg mussten, haben die uns in den ersten zwei Tagen auf diesen großen Lkws durch die Gegend gefahren und dann war auf einmal Schluss. Da waren die Russen vor uns. Die ganzen Soldaten haben reißaus genommen, und dann ging´s zu Fuß weiter – bis zu so einem Aufnahmelager. Da wurden wir dann entlaust, und von da aus wurden wir verteilt. Wir mussten nach Schleswig-Holstein. Da habe ich mit meiner Mutter und meinen drei Geschwistern neun Jahre auf einem Bauernhof gelebt, und da bin auch zur Schule gegangen.

Und dann erst kam Meiderich wegen meinem Bruder. In Meiderich musste ich noch ein Jahr zur Schule gehen, weil ich in Schleswig zu spät eingeschult wurde. Als wir in Meiderich ankamen, wollte ich auch sofort den Meidericher Spielverein sehen. Weil ich vorher immer schon die Zeitung gelesen hatte mit den ganzen Tabellen vom Fußball, deshalb kannte ich den Meidericher Spielverein. Da bin ich dann los und hab einen auf der Straße gefragt, wo spielt der Meidericher Spielverein? Ja, und da hat der mich nach Meiderich-Berg geschickt. Zu Wacker Meiderich! Ich weiß noch, da bin ich von Mittelmeiderich aus durch den Tunnel durch. Der hatte gesagt, wenn du da durchkommst, direkt links, hinter dem Berg, da ist der Platz. Ooh, was war ich erschrocken. Da hatten wir ja da oben in dem Dorf einen besseren Sportplatz. Das Spiel habe ich mir angeguckt. Und auch das Spiel, das war genauso wie da oben auf dem Dorf. Ich bin wieder nach Hause, und auf dem Weg nach Hause da traf ich einen Schulkollegen, und den habe ich gefragt: „Hör mal, das ist doch nicht der Meidericher Spielverein?“ „Ne!“, hat der gesagt, „Wart mal Sonntag, dann gehen wir beide auf den Platz.“ Ja, und dann hat er mich dann zur Westender Straße mitgenommen.

Bei dem ersten Mal haben wir dann Eintritt bezahlt, aber später sind wir auch viel über den Zaun geklettert. Auf einer Seite waren ja nur Gärten, und da sind wir dann rüber gekrochen und haben uns da reingemogelt. Und ich hatte nachher das große Glück, dass bei mir in der Klasse der Peter Danzberg war und der spielte ja in der A-Jugend beim MSV. Wir waren gut befreundet, und der hat mich immer mitgenommen. Da bin ich auch zu den Spielen mit, wo die gespielt haben, sagen wir mal nach Hamborn. Da bin ich dann überall mitgefahren – immer mit der Straßenbahn.

So bin ich beim MSV geblieben. Da wollte ich auch mal zur Leichtathletik rein. Aber da war so ein blöder Trainer. Der hat Sprüche losgelassen … das fand ich nicht in Ordnung. Wenn du neu bist, und wenn sich dann einer so ausdrückt … ich will die Wörter gar nicht wiederholen, die der alle zu mir gesagt hat. Da habe ich gesagt, der kann mich mal. Tschüss, und weg war ich. Dann bin ich zu diesem Turnverein in Meiderich, wie hieß der noch, ich komm jetzt nicht auf den Namen, und von da bin ich zum Ruhrorter Turnverein. Aber zum Fußballgucken bin ich immer noch zum MSV gegangen. Da bin ich noch lange hingegangen. Dann habe ich anfangs auch noch Bundesligaspiele gesehen … danach aber irgendwann nicht mehr … nicht im Stadion.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

%d Bloggern gefällt das: